Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 06/2018, 07.06.2018

«Nur mit Hardware nicht mehr wettbewerbsfähig»

Für die Schweizer MEM-Industrie scheint die digitale Transformation mehr Chancen als Risiken zu bieten. So jedenfalls die Meinung einschlägiger Branchenverbände. Ob dem wirklich so ist, wollten wir von Andreas Rauch wissen, der beim Werkzeugmaschinenhersteller GF Machining Solutions für die Digitalisierung zuständig ist. Er ist auch Referent beim Swissmem Symposium «Schweizer Industrie im digitalen Zeitalter» am 23. August in Zürich.

Autor: Wolfgang Pittrich

Herr Rauch, Sie sind seit April 2017 Head of Digital Transformation der GF Machining Solutions. Was macht man da genau?

Digital Transformation deutet zunächst auf ein starkes Gewicht von Informatik, Technologie und Software hin. In diesen Themenbereich investieren wir gezielt, aber die digitale Transformation beeinflusst das gesamte Unternehmen, unsere Organisationsformen, Abläufe, Kultur – immer mit dem Ziel, näher beim Kunden zu sein und entsprechend zu seinem Erfolg beizutragen. Digitale Transformation ist ein globales Changemanagement-Projekt. Entsprechend bin ich viel unterwegs an unseren R&D- und Produktionsstandorten und suche über unsere Marketing- und Verkaufsorganisationen möglichst nahen Kundenkontakt.

Müssen sich Werkzeugmaschinenhersteller mittlerweile mit der digitalen Transformation beschäftigen?

Absolut. Erstens bedeutet die digitale Transformation einen «Mindset change» von technologiegetriebenen zu kundenspezifischen Lösungen. Und zweitens hat man erkannt, dass Daten ein extrem wertvolles Gut sind. Im Produktionsprozess sind unsere Werkzeugmaschinen quasi eine Datenquelle, welche neue Geschäftsmodelle und engere Kundenbeziehungen ermöglichen.

Das tönt sehr abstrakt. Wie kann das in der Praxis aussehen?

Nehmen wir zum Beispiel aus Kundensicht die Maschinenverfügbarkeit: Die bisherigen statischen Wartungen werden in Zukunft durch prädiktive Instandhaltungen ersetzt. Grundlage dazu sind grosse Datenmengen, aus welchen wir Muster und Abweichungen erkennen, um entsprechende Korrekturmassnahmen einzuleiten. Darum investieren wir massiv in die Bereiche der künstlichen Intelligenz, «Edge computing» und «Machine learning». Der Kunde kann dann die Instandhaltungen genau zur rechten Zeit auslösen – nicht zu früh oder zu spät – ohne Qualitäts- oder Zeiteinbussen in der Produktion. Das heisst, wir helfen, seine Effizienz zu steigern. Wir wissen rechtzeitig, wann Ersatzteile und Servicedienstleistungen vom Kunden gebraucht werden. Ein weiteres Ziel unserer digitalen Transformation besteht darin, dass wir unseren Kunden helfen, sich kontinuierlich zu verbessern.

Geben Sie mir bitte ein praktisches Beispiel.

Nehmen wir an, es kommt ein neuer Werkstoff auf den Markt, welchen der Kunde noch nie bearbeitet hat. Wir haben aber bereits Prozess- und Technologieparameter dazu und können diese schnell und unkompliziert auf seine Maschinen aufspielen. Dies bietet für den Kunden einen Mehrwert, wenn er beispielsweise dadurch schneller in Produktion gehen kann. Durch die Konnektivität kann er deutlich agiler von Neuerungen und Optimierungen profitieren.

Das funktioniert aber nur dann, wenn der Anwender diese Konnektivität einfach und problemlos nutzen kann. Ist das bereits heute der Fall?

Da müssen wir realistisch sein und unterscheiden zwischen bereits installierten Maschinen und Neumaschinen. Wenn man heute eine Maschine bei uns kauft, dann ist diese mit einer OPC-UA-Schnittstelle ausgestattet, also dem offenen Standard für Machine-to-Machine-Kommunikation. Dadurch können Maschinen plattformunabhängig miteinander kommunizieren. Für uns ist diese offene Kommunikation ein wesentliches Element unserer digitalen Strategie. Es wird in Zukunft matchentscheidend sein, eine reibungslose und sichere Konnektivität bieten zu können. In Kombination mit dem Mehrwert, der sich aus der Datenbereitstellung ergibt, entstehen neue Geschäftsfelder und Servicemodelle.

Ein wichtiges Element der digitalen Transformation ist die Cloud. Für viele Anwender eine zweifelhafte Alternative.

Auch das ist Teil unserer Strategie, dass wir eine grosse Bandbreite an Kundenwünschen abdecken müssen. Es gibt Anwender, beispielsweise aus sicherheitskritischen Bereichen wie Luft- und Raumfahrt, die keinerlei Verbindung in die Cloud haben möchten. Dann gibt es wiederum Kunden, die sagen, nur über die Cloud haben wir direkten und unkomplizierten Zugriff auf neuste Technologien. Wir stehen also vor der Herausforderung, unseren Kunden sowohl den einfachen und sicheren Zugang in die Cloud anzubieten wie auch eine Vernetzung der Werkzeugmaschinen untereinander in genau festgelegten räumlichen Grenzen. Aus diesem Grund haben wir im vorigen Jahr mit der Firma Symmedia einen Spezialisten integriert, welcher sich genau mit den beiden Herausforderungen der sicheren Konnektivität sowie digitalen Servicedienstleistungen beschäftigt.

Blicken wir auf die Schweiz: Sehen Sie durch die digitale Transformation für die einheimische MEM-Industrie mehr Chancen oder mehr Risiken?

Ich denke sogar, dass wir mit Hardware alleine in Zukunft nicht mehr wettbewerbsfähig sein werden. Nur durch das optimale Zusammenspiel von hochpräzisem Maschinenbau Made in Switzerland und neuen digitalen Geschäftsmodellen können wir unsere Zukunft erfolgreich gestalten, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen.

Gilt diese Einschätzung auch für die Mitarbeiter? Denn die Digitalisierung hat den Ruf, Arbeitsplätze zu bedrohen.

Ich glaube nicht, dass qualifizierte Mitarbeiter um ihren Arbeitsplatz fürchten müssen. Fakt ist, dass wir durch die Digitalisierung Arbeitsabläufe, die zwar viel Manpower binden, aber wenig Wertschöpfung generieren, automatisieren können. Dadurch schaffen wir für unsere Mitarbeiter aber Freiräume, um länger und intensiver den Kunden beratend zur Seite stehen zu können. Die digitale Transformation ist für die Schweizer MEM-Industrie eher ein Garant für gute Arbeitsplätze und nicht das Gegenteil wie oft behauptet wird.

 

GF Machining Solutions
2560 Nidau, Tel. 032 366 19 19
info.gfms.ch@georgfischer.com, gfms.com



Andreas Rauch, Head of Digital Transformation, GF Machining Solutions: «Die digitale Transformation ist für die Schweizer MEM-Industrie eher ein Garant für gute Arbeitsplätze und nicht das Gegenteil wie oft behauptet wird.» (Bild: GFMS)

Swissmem Symposium

Das diesjährige Swissmem Symposium am 23. August in Zürich steht unter dem Motto: «Schweizer Industrie im digitalen Zeitalter – neue Geschäftsmodelle, Datenmonetarisierung und maschinelles Lernen». Nationale und internationale Referenten zeigen dabei auf, wie das digitale Zeitalter der Schweizer Industrie zahlreiche Möglichkeiten eröffnen kann. Es gilt, die neuen Geschäftsmodelle speditiv in die Realität umzusetzen, die Chancen der Datenmonetarisierung innovativ auszuloten und Anwendungen maschinellen Lernens rasch der mechanischen Fertigung zuzuführen.

swissmem.ch/symposium