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Umfrage Digitale Transformation: Ausgabe 01/2019, 25.01.2019

2 : 1 für die Digitalisierung

Die digitale Transformation scheint ein Allheilmittel, wenn es darum geht, den Werkplatz Schweiz für den internationalen Wettbewerb fit zu machen. Aber ist das wirklich so? Die «Technische Rundschau» hat drei Querschnittsunternehmen der MEM-Branche um ihre Einschätzung zum Thema gebeten.

Autor: Wolfgang Pittrich, Chefredaktor Technische Rundschau

Mit der BSF Bünter AG, der Samuel Werder AG und der Thermoplan AG hat sich die «Technische Rundschau» für ihre Umfrage drei Unternehmen ausgesucht, die einen guten Querschnitt der Schweizer MEM-Branche darstellen. Die BSF Bünter AG ist als Lohnfertiger spezialisiert auf Prototypen und Kleinserien, aber auch komplette Baugruppen. Das agile Unternehmen ist vor sechs Jahren in die additive Fertigung eingestiegen und bietet diese Technologie in Kombination mit der zerspanenden Lohnfertigung an. Das Unternehmen beschäftigt rund 30 Mitarbeitende.

Auch die Samuel Werder AG ist ein klassischer Lohnfertiger im Bereich Drehen und Fräsen, dessen Chef Claude Werder sich bereits sehr früh um die Themen CNC-Maschinen und Automatisierung gekümmert hat und als Roboter-Pionier gelten kann. Das Familienunternehmen existiert seit 1957 und beschäftigt rund 70 Mitarbeiter.

Die Thermoplan AG dagegen hat eine ganz andere Historie. Das Unternehmen ist als Anbieter von Profi-Kaffeeautomaten weltweit bekannt und auch aktiv. Alleine beim grössten Kunden Starbucks sind rund 55 000 Maschinen im Einsatz. Jeder fünfte der 320 Mitarbeiter arbeitet in der Forschung und Entwicklung.
 

Fabian Graber, BSF Bünter AG
«Konzentrieren uns zuerst auf Digitalisierung administrativer Abläufe»

Herr Graber, die digitale Transformation wird von Branchenverbänden und Industrie-4.0-Anbietern als die Chance für eine verbesserte Wettbewerbsfähigkeit des Werkplatzes Schweiz eingeschätzt. Teilen Sie diese Meinung?
Ja.

Welche Massnahmen in Richtung digitale Transformation haben Sie in Ihrem Unternehmen bereits umgesetzt?
Wir haben als KMU nicht die Ressourcen, eine Vollzeitstelle dafür zu besetzen. Deshalb besteht unser Weg darin, dass wir nacheinander einzelne kleine Schritte in diese Richtung tätigen. Wir haben noch keine vernetzten Roboter im Betrieb, was bei Industrie 4.0 bei vielen der erste Gedanke ist, sondern konzentrieren uns zuerst auf die Digitalisierung. Dafür wurden in der BSF Bünter AG zum Beispiel administrative Abläufe wie der browserbasierte Offertenprozess mit Imnoo oder die Lagerverwaltung effizienter gestaltet. Die meisten Produktionsmaschinen sind ebenfalls am Netzwerk angeschlossen, und einige können auch schon von zuhause überwacht werden.

Meinen Sie, dass es für die Unternehmen bei der Umsetzung der digitalen Transformation mehr Unterstützung seitens Verbände oder Politik bräuchte?
Für jedes Unternehmen sind andere Schritte und Reihenfolgen sinnvoll, somit ist eine allgemeine Unterstützung nicht ganz einfach. Die Firmen entscheiden selbst, ob und wie viel sie in die Digitalisierung investieren möchten. Wenn diesbezüglich Unklarheiten vorhanden sind, muss man sich selbst um Informationen und Hilfe bemühen. Anlässe von Beratungsagenturen und Hochschulen sind ja genügend vorhanden.

Wo sehen Sie die Hauptherausforderungen bei der Umsetzung von Industrie 4.0 in Ihrem Unternehmen?
Die Finanzierung ist natürlich immer ein heikler Punkt. Gerade bei IT-Themen kann man sehr viel Geld ausgeben, ohne am Ende einen wirklichen Nutzen davon zu haben. Der schwierigste Punkt ist aus meiner Sicht, aus den vielen Möglichkeiten für die eigene Firma die richtigen Massnahmen herauszufiltern. Es ist nicht einfach, dabei den Überblick zu behalten und auf sein grosses Gesamtziel hinzuarbeiten.

Können Sie sich vorstellen, im Rahmen der digitalen Transformation Firmendaten Ihres Unternehmens in die Datencloud eines externen Anbieters abzulegen oder Daten aus einer externen Cloud auf ihre Maschinen oder Anlagen zu übertragen, wenn es der Optimierung ihrer Produktion dient?
Grundsätzlich bin ich da nicht so kritisch, teilweise machen wir das sogar bereits. Mit sehr sensiblen Daten oder gar der Steuerung der Maschinen über das Internet werden wir uns momentan noch zurückhalten.
Meinen Sie, dass die Angebote an Digitalisierungslösungen, egal von welchem Anbieter, auch sicher genug sind, um Cyberattacken standzuhalten?

Anwendungen, die von überall zugänglich sind, haben sicher ein erhöhtes Risiko. Viele Firmen sind aber über ihre eigenen Server ohnehin schlecht auf eine Cyberattacke vorbereitet. Da habe ich fast schon mehr Vertrauen auf ein spezialisiertes IT-Unternehmen, das so eine Digitalisierungslösung anbietet.

Claude Werder, Samuel Werder AG
«Bei all dem Datenklau habe ich meine Bedenken»

Herr Werder, die digitale Transformation wird von Branchenverbänden und Industrie-4.0-Anbietern als die Chance für eine verbesserte Wettbewerbsfähigkeit des Werkplatzes Schweiz eingeschätzt. Teilen Sie diese Meinung?

Nein, für unseren Betrieb trifft das nicht zu, denn wir als Lohnfertiger sind wie viele andere in unserer Branche seit dem Beginn des «CNC-Zeitalters» vor fast 40 Jahren eigentlich laufend daran zu digitalisieren und vor allem auch zu automatisieren. CAD/CAM, Automatisierung und Robotik sind Themen, mit denen wir uns seit Jahrzehnten beschäftigen.

Welche Massnahmen in die Zukunftssicherung Ihres Unternehmens sehen Sie dann als dringlicher an?
Für uns wäre enorm wichtig, dass die Hersteller von CNC-Maschinen endlich die Zeichen der Zeit erkennen und sich aufraffen würden, um eine einheitliche Schnittstelle für Robotik- und Automatisierungsanwendungen ins Leben rufen. Leider verstecken sich jedoch viele hinter CE-Normen und anderen Vorschriften, um teure, kabelgebundene Verbindungen bei jeder Anbindung eines Roboters an eine Maschine neu zu erfinden. Im Zeitalter von allgegenwärtigen Smartphones, WLan und Sensoren finde ich das mehr als bedenklich und alles andere als innovativ.

Wo sehen Sie die Hauptherausforderungen bei der Umsetzung dieser Massnahmen in Ihrem Unternehmen?
Die grösste Herausforderung sehe ich im Erkennen und einfachen Umsetzen von Automatisierungspotenzial, das bei unseren Losgrössen Sinn macht und sich in nützlicher Frist amortisiert. Aber genau da stehen uns vielfach bedienerunfreundiche Vorschriften und Normen im Weg.

Könnten Sie sich generell vorstellen, Firmendaten Ihres Unternehmens in die Datencloud eines externen Anbieters abzulegen oder Daten aus einer externen Cloud auf ihre Maschinen oder Anlagen zu übertragen, wenn es der Optimierung ihrer Produktion dient?
Wenn ich an die Ausfälle der Swisscom Business Connect Dienste vom letzten Jahr denke, sicher nicht. Zudem haben wir für viele unserer Kunden auch Geheimhaltungsvereinbarungen unterzeichnet, welche das nicht zulassen.

Sie haben also Ihre Zweifel, dass die Angebote an Digitalisierungslösungen, egal von welchem Anbieter, auch sicher genug sind, um Cyberattacken standzuhalten?
Bei all den Daten, die immer und überall geklaut und gehackt werden, habe ich meine Bedenken. Vielleicht bringt die Blockchain-Technologie den Durchbruch zu absoluter Datensicherheit.
 

Adrian Steiner, Thermoplan AG
«Die Digitalisierung unserer Prozesse ist fest in unserer Strategie verankert»

Herr Steiner, die digitale Transformation wird von Branchenverbänden und Industrie-4.0-Anbietern als die Chance für eine verbesserte Wettbewerbsfähigkeit des Werkplatzes Schweiz eingeschätzt. Teilen Sie diese Meinung?
Die Digitalisierung unserer Prozesse – intern wie extern – ist fest in unserer Strategie verankert. Dies hat zur Folge, dass wir unsere Ziele danach ausrichten und entsprechende Massnahmen umsetzen. Diese beinhalten unter anderem die Digitalisierung unserer Produktionsprozesse oder des auftragsbezogenen Materialflusses.

Meinen Sie, dass es für die Unternehmen bei der Umsetzung der digitalen Transformation mehr Unterstützung seitens Verbände oder Politik bräuchte?
Die Verbände sollten sich überlegen, ob es in Zukunft vermehrt Normen braucht, die Anbieter von digitalen Dienstleistungen, wie beispielsweise Cloud Services, zu einem gewissen Standard oder einer minimalen Qualität ihrer Produkte zwingt; ähnlich den Food-Safety-Normen, die ja heute nicht mehr wegzudenken sind. Bei der Politik sehe ich ebenfalls grosses Potential, vor allem in den Bereichen Sicherheit und Datenschutz. Hier die richtige Mischung aus Kontrolle durch Gesetzte und Spielraum für Innovation zu finden, ist die grosse Challenge. Es braucht definitiv mehr Fokus auf diese Themen in Zukunft.

Wo sehen Sie die Hauptherausforderungen bei der Umsetzung von Industrie 4.0 in Ihrem Unternehmen?
Der Digitalisierungsprozess hat kein Ende; hat man einmal angefangen, kommt man nicht mehr davon weg. Dieses Denken muss in der Organisation verstanden werden. Nicht-Digitalisieren ist allerdings keine Option für Betriebe wie die Thermoplan mit Standort in der Schweiz. Die oft grossen und kostenintensiven Digitalisierungsprojekte müssen einen Mehrwert generieren. Diesen genau zu definieren ist allerdings oft schwierig. Die grossen Herausforderungen liegen im Verbinden und Vernetzen der verschiedenen Tools – und dies sind einige. Mit den daraus gesammelten Daten müssen dann die richtigen und für uns wichtigen Arbeitsschritte in der Wertschöpfungskette vereinfacht, beschleunigt oder optimiert werden. Ein weitere wichtiger Punkt ist Transparenz: Sind die Betriebe, also wir, bereit, die Daten  – auch alle – zur Verfügung zu stellen? Denn wirklich spannend wird es ja erst, wenn Daten von Kunden, Spediteuren, Lieferanten, also generell aller Beteiligten der Wertschöpfungskette, zusammengeführt und analysiert werden können und daraus entsprechender Mehrwert für alle Parteien erzeugt werden kann.

Können Sie sich vorstellen, im Rahmen der digitalen Transformation Firmendaten Ihres Unternehmens in die Datencloud eines externen Anbieters abzulegen oder Daten aus einer externen Cloud auf ihre Maschinen oder Anlagen zu übertragen, wenn es der Optimierung ihrer Produktion dient?
Dies ist bereits Tatsache, denn «Office 365» oder auch unser Projekt-Management-Tool speichern unsere Daten in der Cloud des jeweiligen Anbieters. Daten von Clouds anderer Firmen auf unsere Maschinen zu laden ist eher etwas kritisch. Hier sind wir vorsichtig und lassen dies per Architektur nicht zu. Unsere Maschinen können nur verschlüsselte und signierte Daten von unserer Cloud empfangen.

Meinen Sie, dass die Angebote an Digitalisierungslösungen, egal von welchem Anbieter, auch sicher genug sind, um Cyberattacken standzuhalten?
Je nach Anbieter ist dies sehr unterschiedlich. Wichtig ist, dass wir selbst dafür sorgen, dass unser Betrieb nicht gefährdet ist, wenn ein Anbieter gehackt wird.



Adrian Steiner ist CEO der Thermoplan AG. (Bild: TR)


Fabian Graber ist bei der BSF Bünter AG zuständig für Engineering und 3D-Printing. (Bild: BSF Bünter)


Claude Werder ist Inhaber und Verwaltungsratpräsident der Samuel Werder AG. (Bild: Werder)