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Trendreport: Ausgabe 02/2019, 20.02.2019

Die Digitalisierung kommt, und der Mensch bleibt

Das Ziel ist definiert, der Weg dahin steinig und voller Unwägbarkeiten. Die Rede ist von der digitalen Transformation, die auch für die Schweizer KMU zu einer Frage des Überlebens hochstilisiert wird. Doch wo bleibt der Mensch in dieser historischen Umbruchphase?

Autor: Wolfgang Pittrich, Chefredaktor

Es geht um nichts geringeres als Leadership. «Treiben Sie die Digitalisierung voran. Die Schweiz soll eines der führenden Länder in der Entwicklung und Anwendung digitaler Technologien bleiben», formulierte Innosuisse im Herbst 2018 in einer Botschaft an die Industrie. Damit nimmt die Schweizerische Agentur für Innovationsförderung (vormals KTI) den Ball auf, der ihr vom Bundesrat im Rahmen des Aktionsplans 2019 - 2020 zugespielt wurde. Insgesamt stehen Mittel in Höhe von 62 Mio. Franken zur Verfügung, um die Digitalisierung schweizweit voran zu bringen.

Zwei der vom Bund empfohlenen Massnahmen setzt Innosuisse auch gleich um: Das Impulsprogramm «Fertigungstechnologien» und die Förderung der Digitalisierung in Energie und Mobilität. Für die MEM-Industrie ist vor allem das erstere interessant. Gefördert werden innovative Projekte im Bereich Automatisierungstechnologien/Robotik, Photonik oder additive Fertigung, verschlagwortet mit Begrifflichkeiten wie Simulation, Künstliche Intelligenz oder Cloud Computing. Leider taucht nirgends der Begriff «Arbeitskraft 4.0» auf.

Szenenwechsel. Bereits Ende 2017 warnte der deutsche IT-Branchenverband Bitkom in einer repräsentativen Studie, dass 25 Prozent der Unternehmen ab 20 Mitarbeitende ihre Existenz durch die Digitalisierung bedroht sehen. Gar von 3,4 Mio. wegrationalisierten Arbeitsplätzen bis zum Jahr 2023 durch die digitale Transformation berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die sich wiederum auf Bitkom beruft. In das gleiche Horn stösst das World Economic Forum (WEF) als es Anfang 2018 in einer Studie davor warnte, dass vor allem Frauen vom digitalen Wandel der Arbeitswelt betroffen seien. Von den 1,4 Mio. Jobs, die bis 2024 alleine in den USA durch Industrie 4.0 & Co. bedroht sein sollen, entfallen knapp 60 Prozent auf die weiblichen Angestellten.

Und jetzt? Die digitale Transformation sofort stoppen? Wohl kaum, denn dieser Weg scheint unumkehrbar. In Deutschland beispielsweise haben laut einer Erhebung der Staufen AG im vorigen Jahr bereits über 50 Prozent der Unternehmen eines oder mehrere I-4.0-Projekte lanciert. Zudem gibt auch andere Stimmen, die eine grosse Chance für die Beschäftigten sehen.

Besonders das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) wirft in seiner Studie «Digitalisierung und die Zukunft der Arbeit: Makroökonomische Auswirkungen auf Beschäftigung, Arbeitslosigkeit und Löhne von morgen» einen sehr dezidierten Blick auf die genannte Bitkom-Studie und ähnliche Publikationen. So bekennen die Autoren: «Unsere Ergebnisse stehen in klarem Gegensatz zu den in der öffentlichen Debatte zuletzt immer wieder auftauchenden Befürchtungen, dass Digitalisierung und Industrie 4.0 massive Jobverluste bedeuten könnten. Solche Ängste werden durch Studien geschürt, die argumentieren, dass ein Grossteil der Arbeitsplätze automatisierbar wäre.»

Die Studie verweist unter anderem darauf, dass Automatisierungspotenziale in der Vergangenheit oft überschätzt wurden und zweitens, dass die Geschwindigkeit der Veränderung, also die Einführung von digitalen Prozessen, durchaus länger dauern könnte als gemeinhin angenommen wird. Auf dem Weg in Richtung Digitalisierung könnten die Unternehmen sogar mehr Arbeitskräfte benötigen, um den dadurch entstehenden Mehraufwand zu bewältigen.
Trotzdem erkennen die ZEW-Autoren durchaus eine mögliche Verwerfung der Arbeitswelt in den nächsten Jahren: «Längerfristig können sich die Wirkungen verändern, wenn die Unternehmen  über diese Investitionsphase hinaus gekommen sind. Industrie 4.0 könnte dann Arbeit ersetzen – allerdings ist dem entgegenzurechnen, dass dies durch Beschäftigungszugewinne infolge steigender Wettbewerbsfähigkeit und höheren Wachstums mehr als ausgeglichen werden könnte.»

Neues Modell zur Analyse des Automatisierungsgrades der Industrie
Auch die deutsche Wissenschaftliche Gesellschaft für Produktionstechnik WGP setzt sich in einem kürzlich veröffentlichten Papier kritisch mit der schnellen Einführung von Industrie 4.0 auseinander. Ein für ihre Untersuchungen erstelltes neues Modell zur Analyse des Automatisierungsgrades der Industrie zeigt, dass «bis zur Vollautomatisierung der deutschen Industrie noch ein langer Weg ist». Aber auch  dort konzedieren die Autoren, dass die Digitalisierung zu Veränderungen führen wird: «Dennoch muss man davon ausgehen, dass künftig die Optimierung von Produktionsanlagen und -prozessen nicht mehr nur von Menschen, sondern zunehmend von den Maschinen selbst übernommen wird.»

Die WGP ist ein Zusammenschluss von führenden deutschen Professoren der Produktionswissenschaft. Aufschlussreich für die Schweizer MEM-Industrie sind ihre Ausführungen deshalb, weil sie – ähnlich wie in der Schweiz – davon ausgehen, dass die digitale Transformation einen deutlich Schub für die einheimische Produktionswelt bedeuten kann.

Doch bleiben wir bei den Mitarbeitenden. Die WGP stellt fest, dass Menschen sogar in einer vollautomatisierten Produktionswelt 4.0 ein wichtiger Faktor sind. Auch deshalb, weil die digitale Transformation für die Unternehmen zunehmend völlig neue Geschäftsmodelle eröffnen kann, die wiederum Beschäftigung für neue Kollegen bietet. Abgesehen davon – und hier wird wiederum die Analogie zum Werkplatz Schweiz sichtbar – spielen qualifizierte Mitarbeiter in Zukunft nach wie vor eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, im internationalen Wettbewerb die Nase vorne zu haben.

Wobei sich diese Entwicklung schon heute abzeichnet. So hat die Automobilindustrie, die durchaus als Synonym für einen hohen Automatisierungsgrad stehen kann, bereits vor Jahren erkannt, dass die reine Automatisierung kontraproduktiv ist, wenn es um flexible Reaktion auf Kundenwünsche geht. Gefragt ist deshalb in den Montagelinien die Interaktion von Werker und Roboter, um flexibel und sicher auf die jeweiligen Abweichungen von der Serie reagieren zu können. Der aktuell viel diskutierte kollaborative Roboter ist ein Ergebnis dieser Entwicklung.

Doch wie wird sich die Arbeit in Zukunft gestalten? Welche Skills werden mehr und welche weniger gefragt sein? Denn dass eine Verschiebung der Tätigkeiten aufgrund der Digitalisierung stattfinden wird, darin sind sich alle Szenarien einig. Unter anderem haben sich die Unternehmensberater von McKinsey darüber Gedanken gemacht. Sie fliessen in die Studie ein «Shift skills – Automation and the future of the workforce». Ein Ergebnis: In den Industrieländern werden immer weniger Jobs mit manuellen oder motorischen Fähigkeiten gebraucht. Einzig im Gesundheitswesen, so McKinsey, wird der Anteil an körperlicher Arbeit sogar zunehmen und soll weltweit rund 5 Mio. Arbeitsplätze mehr bringen.

Aussagen, die nicht wirklich überraschen. Für den heutigen Schüler und morgigen Auszubildenden oder Studierenden lautet zudem die viel wichtigere Frage: Welche Fähigkeiten brauche ich in Zukunft? Laut McKinsey werden es Tätigkeiten sein, die IT-Wissen, Programmier- und Analysekenntnisse sowie wissenschaftliche Forschungs- und technische Designfähigkeit verlangen. Zudem sollen durch das verstärkte Aufkommen der Automatisierung und der Künstlichen Intelligenz Fähigkeiten an Bedeutung gewinnen, die bisher eher den sozialen Berufen zugeschrieben werden wie soziale und emotionale Kompetenz. Im Klartext: Kommunikations- und Verhandlungsgeschick, Empathie und Führungsqualitäten können im digitalen Zeitalter ihre Wertigkeit eher noch steigern.  

Die eingangs erwähnte ZEW-Studie sieht in diesem Zusammenhang die Unternehmen gefordert, ihre Belegschaft auf die neuen Herausforderungen hin fit zu machen: «Beschäftigte müssen in die Lage versetzt werden, den Wandel am Arbeitsplatz zu bewältigen. Sie benötigen Qualifizierung, um komplexere, schwer automatisierbare Aufgaben neu zu übernehmen, aber auch, um die Technologien als Arbeitsmittel zu verwenden.» Je früher diese Qualifizierung erfolgt, desto höher sind die Chancen, die infolge der Digitalisierung entstehenden neuen Arbeitsplätze, die qualitativ hochwertiger als die vorherigen sind, zu besetzen.

Dazu gehört, dass sich die Ausbildungsinhalte bei Studium und Beruf ändern müssen. Hier ist die Schweiz auf gutem Weg wie das Beispiel ETH zeigt. Schon im vorigen Jahr wurde die «School for Continuing Education» gegründet. Dort will man nicht nur schneller und flexibler auf die neuen Bedürfnisse von Arbeit 4.0 reagieren, sondern auch dem Trend in Richtung Digitalisierung Rechnung tragen. Unter anderem dafür haben die ETH Zürich und die ETH Lausanne zusammen das nationale Zentrum für Datenwissenschaften gegründet. Ziel ist, zunehmendes Know-how im Umgang mit grossen Datenmengen zu erlangen.

Philip Hauri, Geschäftsführer der Plattform «Industrie 2025», die sich intensiv mit der digitalen Transformation in der Schweizer MEM-Branche auseinandersetzt, erkennt einen generellen Wandel in der Aus- und Weiterbildungsmentalität: «Generell müssen wir in Zukunft das Bildungssystem wohl weniger als starre Abfolge von Grund- und Weiterbildungen ausgestalten, sondern viel modularer und individueller im Sinne eines Baukastens konzipieren. Aus diesem Baukasten können dann die benötigten Kompetenzen gezielt und auf verschiedenen Wegen erworben werden.» (Siehe auch nebenstehendes Interview).

In diesem Sinne geht die berufliche Bildung in der Schweiz die Herausforderungen der digitalen Transformation bereits sehr offensiv an. Die beiden MEM-Verbände Swissmechanic und Swissmen diskutieren aktuell im Rahmen der regelmässigen Fünfjahresüberprüfung der technischen MEM-Berufe darüber, wie die Berufsbilder von Polymechaniker, Automatisierer und Co. auf Industrie-4.0-Niveau gehoben werden können. Denn allen Beteiligten ist klar: Der Mensch hat auch im digitalen Zeitalter nicht ausgedient, aber nur, wenn er die richtige Qualifizierung mitbringt.

Meine Meinung

Die vierte industrielle Revolution ist in vollem Gange. Sie bietet grosse Chancen für hochentwickelte Industrieländer wie die Schweiz, wird aber auch Opfer fordern. Diese in Form von Arbeitsplatzverlust so gering wie möglich zu halten, ist Aufgabe der Unternehmen und Ausbildungseinrichtungen. Nur wenn sie jetzt die Weichen stellen für eine Qualifizierung 4.0, kann die prognostizierte und sicherlich auch eintretende Verwerfung der Arbeitswelt einigermassen aufgefangen werden. Denn so viel ist sicher: Auch die digitale Transformation braucht jede Menge gut, aber vor allem richtig ausgebildetes Personal.
Wolfgang Pittrich, Redaktion Technische Rundschau

 



Bild: iStock

Sechs Fragen an Philip Hauri, Industrie 2025

«Der eigene Bildungsrucksack muss kontinuierlich ergänzt werden»


Philip Hauri, Geschäftsführer Plattform Industrie 2025. (Bild: Industrie 2025)

Herr Hauri, wir befinden uns mit der digitalen Transformation bereits mitten in der vierten industriellen Umbruchphase. Werden wir dadurch in einigen Jahren mehr oder weniger Beschäftigung in der Schweiz haben?
Ich gehe davon aus, dass die Beschäftigung zunehmen wird. Die Industrie-4.0-Lösungen haben nicht das Ziel, Arbeitsplätze abzubauen, sondern die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen in ihren Märkten zu stärken. Dadurch ermöglichen sie Wachstum und sichern Arbeitsplätze – auch bei den Zulieferern und Dienstleistern.

Welche Fähigkeiten müssen Mitarbeitende in Zukunft mitbringen, um für die Arbeitswelt 4.0 gerüstet zu sein?
Grundsätzlich braucht die Industrie auch künftig Mitarbeitende mit hoher Produktionskompetenz. Sie sollten aber über die für ihre Funktion relevanten digitalen Grundkompetenzen verfügen, um den Wandel mittragen zu können. Das bedeutet nicht, dass sie sämtliche digitalen Technologien beherrschen müssen. An Bedeutung gewinnen wird das Systemverständnis; das heisst, interdisziplinäres Wissen in den Bereichen Mechanik, Automation und Informatik. Weil man in der Arbeitswelt 4.0 agil auf Herausforderungen reagieren muss, sind zudem vermehrt Qualitäten wie Kooperation- und Problemlösungsfähigkeit, Flexibilität sowie Lernbereitschaft gefragt. Generell ist es wichtig zu verstehen, dass nicht jeder Mitarbeitende über die gleichen Fähigkeiten verfügen muss. Die Unternehmen müssen die verfügbaren Kompetenzen so koordinieren, dass die Produktion, Entwicklung, Dienstleistungen und die Geschäftsmodelle reibungslos funktionieren.

Und welche Fähigkeiten werden in Zukunft weniger benötigt?
Der Bedarf an gering qualifizierten Beschäftigten, die beispielsweise einfache Montagetätigkeiten ausführen, wird weiter zurückgehen. Diese Arbeiten werden automatisiert oder ausgelagert. Es ist auch davon auszugehen, dass Tätigkeiten, die nicht direkt mit der Produktion, den Dienstleistungen oder dem Geschäftsmodell zusammenhängen, ausgelagert werden.

Wie müssten Arbeitgeber und Ausbildungsinstitutionen bereits heute darauf reagieren, damit in Zukunft ausreichend qualifizierte Mitarbeiter für die digitalen Herausforderungen zur Verfügung stehen?
Hier gilt es zwischen der beruflichen Grundbildung und der Weiterbildung zu unterscheiden: In der Grundbildung haben Swissmem und Swissmechanic Ende 2018 eine Berufsreform in Angriff genommen. Sie soll der sich verändernden Produktionsrealität in den Unternehmen der MEM-Branche gerecht werden und dem Fachkräftemangel entgegenwirken. Der Umfang dieser Reform ist derzeit noch offen. Das Spektrum reicht von punktuellen Anpassungen in einzelnen Berufen über eine grundlegende Überarbeitung von Berufsbildern und Ausbildungsinhalten bis hin zur Schaffung neuer Berufe. In der Weiterbildung braucht es massgeschneiderte und bedarfsorientierte Angebote sowie gezielte Umschulungsmöglichkeiten. Dabei müssen die Erfahrungen der Mitarbeitenden und auch deren Potenzial in die Wahl des Bildungsangebotes gezielt einfliessen. Die Weiterbildungen müssen erwachsenengerecht und berufsbegleitend sein sowie einen raschen Praxistransfer ermöglichen.

Sehen Sie die Schweiz bei der Berufsbildung 4.0 und Qualifizierung 4.0 auf gutem Weg?
Die Schweiz ist in einer guten Ausgangslage. Das duale Berufsbildungssystem gewährleistet eine bedarfsgerechte Ausbildung, die sich am unternehmerischen Alltag orientiert. Deren Inhalte werden regelmässig überprüft – auch zwischen den vorgeschriebenen Mehrjahresüberprüfungen. Neu ist, dass heute eine berufsorientierte Grundbildung nicht mehr zu einer lebenslangen Karriere in diesem Beruf führt. Die Vielzahl der Stellenprofile nimmt weiter zu. Und jeder muss sich auf seinem beruflichen Weg immer wieder neu orientieren. Deshalb ist es notwendig, dass der Bildungsrucksack kontinuierlich mit den relevanten Methoden und Kompetenzen ergänzt wird. Dies wird zunehmend ausserhalb von formalen Lehrgängen geschehen.