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TR-Exklusivinterview: Ausgabe 03/2019, 20.03.2019

«Der Spirit ist einzigartig»

Die Urma AG, bisher als höchst innovativer Hersteller von hochwertigen, weltweit genutzten Werkzeugen und Anbieter von Werkzeugmaschinen des US-amerikanischen Herstellers Haas in der Schweiz aufgetreten, erweitert ihr Maschinenangebot mit Anlagen für Additive Manufacturing (AM) von SLM Solutions. Urs W. Berner, CEO des Unternehmens, verrät der «Technischen Rundschau» im Exklusivinterview die Hintergründe dieses Schachzugs.

Autor: Markus Schmid, Redaktor Technische Rundschau

Herr Berner, wieso das neue Engagement von Urma im Bereich der additiven Fertigung?
Das neue Engagement von Urma in AM Metall geschieht als Anpassung an die Entwicklung des Werkplatzes Schweiz. Dazu gibt es von unserer Seite mehrerer Grundüberlegungen. Dieser Werkplatz wird sicher überleben, wird sich aber nicht massiv ausbauen lassen. Wir werden jedoch eine weitere Spezialisierung hin zu Nischentechnologien erleben, die im Engineering- und IT-Bereich anspruchsvoll sind. Wir denken, dass sich in diesem Bereich in Zukunft mit AM als einer zusätzlichen Technologie ein Markt finden lässt. Wir wollen unseren bestehenden rund 500 aktiven Werkzeugmaschinenkunden ein AM-Angebot machen können.

Wie lautet denn Ihre konkrete Strategie?
Wir bilden innerhalb der Abteilung Urma Machines drei Bereiche. Im Zentrum steht CNC-Machining mit den Werkzeugmaschinen von Haas, flankiert von den Bereichen Automation und 3D-Printing. Im ersteren bieten wir zusammen mit Partner Fanuc die Automation für Haas-Maschinen an und fungieren als Integrator. Im Bereich 3D-Printing bieten wir unseren WZM-Kunden als Ergänzung die Anlagen des deutschen Herstellers SLM Solutions an. Wir sind überzeugt, dass sich die Elemente dieses Portfolios in Zukunft gegenseitig ergänzen, weil das AM-Produkt ein Rohteil ist, das meist nicht fertig aus dem Prozess kommt, sondern nachbearbeitet werden muss. Wir wissen, dass der Markt hier eine durchgängige Lösung von der CAM-Seite her fordert und liefern die komplette Prozesskette.

Können Sie uns das etwas erläutern?
Wir werden zusammen mit der Anlage auch die neuste CAM-Software von SLM Solutions und damit die Weiterverarbeitung des Bauteils anbieten. Das Bauteil wird auf einem Palettensystem von Lehmann aufgebaut und anschliessend auf der Palette wo nötig weiter mit einer Werkzeugmaschine spanend bearbeitet. Erst dann folgt das Trennen von der Stützstruktur und von der Bauplattform. Weiter bieten wir mit «Additive Intelligence» von SLM Solutions eine Software an, die das alles massiv vereinfacht. Sie unterscheidet sich von allen anderen AM-Softwares dadurch, dass sie eine Gesamtbeurteilung liefert, also bis zum Schluss durchkalkuliert. Da fliesst sogar die Lagesituation des Bauteils ein, da diese sich auf die Bauzeit und damit den Preis auswirkt. Alle Parameter werden berücksichtigt, selbst die Zugaben für die Palettierungsschicht und für die spanende Fertigbearbeitung sind integriert. Die Software rechnet dem Anwender auf den Franken genau aus, wie teuer die Fertigproduktion des Teils wird. Das ist ein Quantensprung für die Branche.

Haben Sie sich von Beginn weg für das Metallpulverbettverfahren entschieden?
Nein, wir evaluierten auch andere Verfahren, aber da das SLM-Verfahren rund 80 bis 85 Prozent des Metallmarktes ausmacht, haben wir uns auf diesen Prozess konzentriert. Die weiteren Nebenprozesse schauen wir uns später genauer an. Aber wir werden die AM-Anlage in der Prozesskette gleich behandeln wie eine normale Werkzeugmaschine, genau gemäss unserm Erfolgskonzept, das heisst: Service, Service und noch einmal Service. Der Service-Level ist gerade auf dem Gebiet AM schwach. Wenn die Spezialisten in den Ferien sind, droht im Extremfall ein Maschinenstillstand. Das ändern wir.

Wie lange verfolgen Sie dieses Projekt?
Wir haben in den letzten zweieinhalb Jahren mit den grössten zehn damals noch freien Anbietern von AM-Metallanlagen verhandelt. Die wichtigsten, wie EOS und Trumpf, aber auch SLM Solutions setzen weltweit auf das Konzept des Direktvertriebs, auch wegen der Komplexität des Prozesses. Das heisst, Vertrieb und Service ausschliesslich mit eigenen Leuten. Mit SLM Solutions verhandelten wir eineinhalb Jahre, bis wir einig wurden. Jetzt sind wir exklusiver Vertriebspartner für die Schweiz. Wir sind die Ausnahme in ihrem Vertriebskonzept. Dazu brauchte es erst einen Machtwechsel im Management.

Was waren denn Ihre Anforderungen?
Ich verlangte von SLM Massnahmen, um den Maschinenpreis zu reduzieren. Haas hat das auch gemacht, es ist reine Kopfsache. Man muss runterstrippen, bis der Preis stimmt. Dann baut man eine Kampfmaschine und geht mit der auf den Markt. Bei Haas war es die VF 2 für 30 000 US-Dollar. Haas legte nicht einmal drauf, sondern verdiente mit ihr noch Geld. Er produziert so 17 000 Maschinen pro Jahr. Da gibt es jedoch keinen Sondermaschinenbau. Die Maschine kommt genauso zum Kunden, wie es im Prospekt steht. Es ist der Tod der Werkzeugmaschine, wenn sie so speziell ist, dass sie nie fertig wird. Dann bezahlt der Kunde auch nie. Er wartet, bis die letzte Schraube korrigiert ist. So geht man als Anbieter finanziell unter. Das ist ein Punkt, an dem diese Branche krankt.

Wie kam der Entscheid für eine Kooperation mit SLM Solutions zustande?
Vor zwei Jahren starteten wir mit der Entwicklung des strategischen Konzepts. Wir entschieden uns relativ schnell für SLM Solutions, weil sie einer der fünf Top-Anlagenbauer und ungebunden sind. Wir boten ihnen das aktuelle Vertriebskonzept an. Dann dauerte es. Sie mussten sich zu einem Grundsatzentscheid durchringen. Als der stand, ging alles sehr schnell, denn inhaltlich hatten wir keine Konfliktpositionen. Mit dem aktuellen Management von SLM Solutions liegen wir jetzt absolut auf derselben Linie.

Von welcher Entwicklung unseres Werkplatzes gehen Sie aus?
Wir glauben, dass die Schweiz eine gute Chance für AM darstellt. Ich bin überzeugt, dass Schweizer Unternehmer, auch KMU-Lohnfertiger und mechanische Werkstätten sehr innovationsfreundlich sind, was Prozesse angeht. Es sind Tüftler, die auf Technologien ansprechen. Der Markt ist also da.

Wer kümmert sich bei Urma um die neue Technologie AM?
Wir haben extra einen Produktmanager neu angestellt. Er ist Ingenieur und AM-Brancheninsider. Die Serviceabteilung bauen wir mit einem zusätzlichen Customer Service Manager aus. Weiter suchen wir einen zusätzlichen Ingenieur. Die bestehenden Verkäufer machen den Erstkontakt, dann fassen wir sofort mit dem Spezialisten nach. Als Service-Backup dient das Stammhaus von SLM Solutions in Lübeck.

Welchen Status hat die Protoshape GmbH als Partner?
Ein sehr wichtiger Punkt. Es ist doch so: Keiner kauft einfach so eine Maschine, sondern er kommt im besten Fall mit einem Bauteil oder mit Konstruktionsdaten zum Anbieter, also zu uns. Jetzt braucht man einen Partner, der das Musterteil produzieren kann. Hier arbeiten wir mit der Protoshape GmbH in Biel zusammen, die über vier Anlagen von SLM Solutions verfügt. Dies ist quasi unsere Produktionsstätte für Kundenteile. Prototypenteile können wir bei Protoshape oder auch in Lübeck fertigen lassen, in vier verschiedenen Materialien. Wir werden zwar bei uns in der Firma eine SLM 280 aufstellen, aber wir wollen bei Urma nicht additiv fertigen. Damit würden wir unsere eigenen Kunden konkurrenzieren.

Bietet Urma die gesamte SLM-Solutions-Palette an?
Ja, alle Modelle. Beim Pulver haben wir uns noch nicht entschieden, ob wir das selbst machen oder nicht. Dazu müssten wir einen zusätzlichen Spezialisten anstellen. Wir könnten zwar Pulver von SLM Solutions beziehen, die kaufen es aber auch ein.

Wie schätzen Sie den Schweizer Markt für solche Anlagen ein?
In jedem der letzten Jahre ist der Markt für Metall-Printing 30 bis 40 Prozent gewachsen. Wir wissen, wie viele SLM-Anlagen verkauft wurden. Und ich kann sagen, dass bei uns bereits viele Projekte laufen, davon lässt sich jedoch nur ein sehr geringer Teil auch umsetzen, vielleicht eine Handvoll Anlagen. Dann sprechen wir von 2 bis 3 Millionen Franken Umsatzpotenzial pro Jahr, also noch bescheiden. Aber es ist interessant, weil wir darin Synergien sehen, und wir so unseren Haas-Kunden mit AM mehr bieten können.

Welches Modell favorisieren Sie?
Die SLM 280 wird die meistverkaufte Maschine. Sie ist sehr leistungsfähig und kompakt. Als Kundensegmente sehe ich einerseits Universitäten und Forschungsanstalten, Versuchswerkabteilungen von Grossfirmen, die Medizintechnik, die Grossfirmen selbst im Bereich Aerospace und mechanische Werkstätten mittlerer Grösse, die schon spanend arbeiten.

Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?
Dazu kann ich nichts sagen. Wir wissen zwar, wie gross der Markt ist und wie er sich entwickelt, aber ich weiss nicht, ob es in ein paar Jahren eine neue Technologie gibt, die den Markt umpflügt. Wir sprechen in der Schweiz von einem AM-Gesamtmarkt von rund 20 Millionen Franken. Er ist also sehr klein, verglichen mit dem Werkzeugmaschinenmarkt. 

Welche Zukunftsperspektiven sehen Sie für den hiesigen 3D-Metalldruck?
Wir sehen eine Chance, dass AM eine weit verbreitete Technologie wird, unter folgenden Voraussetzungen: Wir müssen die Qualität der Teile im Griff haben, die Baugeschwindigkeit muss sich steigern lassen und die Investitionen auf Anwenderseite müssen sinken. Beim letzten Punkt sprechen wir heute noch von einer halben Million für einen Start, sinnvoll wäre ein Ziel von vielleicht 200 000 Franken.

Mit welchen Herausforderungen sieht sich der AM-Markt konfrontiert?
Für mich ist ganz klar die Entwicklung der Technologie die grosse Frage. Wo steht die SLM-Technologie in fünf Jahren? Wird sie abgelöst? Diese Fragen stellen sich bei spanenden Werkzeugmaschinen nicht, eine Fräse bleibt eine Fräse, und Drehen bleibt auch, was es ist. Im AM-Bereich ist die Entwicklung nur sehr schwer abzuschätzen. Wir wissen nicht, ob es bahnbrechende Entwicklungen geben wird oder ob Metall als Baumaterial irgendwann gegenüber Kunststoff an Boden verliert.

Was halten Sie von der Technologie der Hybridmaschinen, also zerspanen und  3D-printen auf einer Maschine?
Ich zweifle stark, ob das Sinn macht. Ich glaube nicht, dass sich diese Entwicklung bewährt. Das Problem sind die Zykluszeiten. Wenn Metall-AM einmal so schnell wird, dass die Bauzeit pro Volumen mit der spanenden Bearbeitungszeit Schritt halten kann, sieht alles anders aus. Aber solange in einer Hybridmaschine für ein bestimmtes Bauteil 95 Prozent der Gesamtbearbeitungszeit im AM-Modus aufgewendet werden muss, und die nötigen spanenden Arbeiten nur fünf Prozent der Zeit beanspruchen, macht es für mich keinen Sinn. Zudem kann man nur in sehr kleinen Schritten fräsen.

Welches wichtige Thema haben wir noch nicht angesprochen?
Was mir in der Projektphase für unseren AM-Einstieg besonders beim Besuch der Formnext auffiel, sind die vielen Jungen, die in diesem Bereich arbeiten und der Spirit. Es existiert eine Aufbruchsstimmung, die es im WZM-Bereich weniger gibt. Mich fragte auch in längeren Gesprächen auf den Ständen nie jemand nach einer Adresse, um ein Angebot zu machen, also aktiv zu verkaufen. Es ist die pure Faszination für die Sache, die durchscheint. Das war für mich als älterer Herr und Maschinenbauer ein richtiger Jungbrunnen. Bei uns im Haus genau dasselbe. Es ist ein cooles Thema, und mir macht es einfach Freude, in einer so positiven Stimmung zu arbeiten, im vollen Bewusstsein des Risikos, das für uns damit verbunden ist. Für mich ist da was, wir machen eine Pioniertat, es ist ein wirklich neues Gebiet. Der Spirit ist zudem gut für das Unternehmen. Unsere Botschaft ist die: Wenn jemand diesen neuen Ansatz der gesamten Prozessket­te in der Schweiz durchsetzen kann, dann sind wir es bei der Urma, weil wir selbst Serienfertiger sind.

urma.ch



Urs W. Berner ist CEO der Urma AG. (Bild: TR)