Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Trendreport: Ausgabe 06/2019, 03.06.2019

Virtual Experience: Emotionen pur für die MEM-Branche

Virtual Reality verlässt die Liga der PC-Gamer und macht sich auf, industrielle Anwendungen auf ein neues Wahrnehmungslevel zu heben. Die «Technische Rundschau» wollte wissen, wie diese neue Realität genau aussieht und hat sich auf der weltgrössten Industriemesse, der «Bauma» in München, auf dem Gemeinschaftsstand «VR Experience» umgesehen. Dort hat die Wion GmbH mit einer virtuellen Baustelle neue Massstäbe gesetzt.

Autor: Wolfgang Pittrich, Chefredaktor Technische Rundschau

Schwankend fährt der Bauaufzug nach oben; Stockwerk für Stockwerk ziehen Rohbauetagen vorbei. Je höher es geht, desto lichter der Blick. Ruckelnd kommen wir zum Stehen. «Vorsicht Stufe», ruft unser Begleiter. Tatsächlich wäre ein Stolpern fatal, denn wir stehen im obersten Stockwerk eines Skyscrapers. In rund 50 m Höhe gibt es nur noch den blauen Himmel mit den getupften weissen Wolken über uns. Wind zerzaust die Haare. Eine wacklige Absperrung trennt den Besucher beim Blick nach unten vor dem Fall in schwindelnde Tiefen. Nichts für Weicheier mit Höhenangst. «Wir hatten an dieser Stelle User, die haben laut aufgekreischt», sagt Steve Schneeberger, Key Account Manager bei der Wion GmbH.

Mit der Sonderschau «bauma VR Experience» realisierte die Messe München anlässlich der  Bauma (8. bis 14. April, München) erstmals eine virtuelle Baustelle: interaktiv, immersiv und mit garantiertem Gänsehauteffekt. Umgesetzt hat den rund zehnminütigen VR-Baustellenrundgang in Halle B0 die Wion GmbH, ein Unternehmen der Swiss Professional Media AG, Basel.

Die vierte Dimension bringt emotionalen Tiefgang inklusive Gänsehaut-Feeling
Neben der gekonnten 3D-Animation sorgte vor allem die Einbeziehung einer vierten Dimension für emotionalen Tiefgang, wie Francesco Bellanza, Geschäftsführer der Wion GmbH, sagt: «Wir nutzen die vierte Dimension in Form von Wind, der den Usern aus Windmaschinen ins Gesicht bläst und einer Rüttelplatte, um reale Aufzugsbewegungen zu simulieren. Dadurch erzielen wir ein totales Outdoor- und damit Baustellen-Feeling.» Als weiteren Aha-Effekt hat es Wion geschafft, auf die von VR-Gaming bekannten Controller zu verzichten. Die Interaktion geschieht direkt mit den eigenen Händen.

Die Reaktion der User bestätigt die Gänsehautstrategie von Wion: Nicht wenige wagen aus Höhenangst kaum den Schritt aus dem virtuellen Aufzug; zum Nervenflattern kommt dann noch der bereits erwähnte Schreckensschrei beim Blick nach unten. Für Mareile Kästner, Projektleiterin Bauma bei der Messe München, sind es gerade diese emotionalen Elemente, die für die Erlebniswelt «Virtuelle Baustelle» sprechen: «Virtual Reality und Augmented Reality sind neue, sehr interessante Technologien, um unseren Ausstellern innovative Präsentationsmöglichkeiten für ihre Produkte und Dienstleistungen an die Hand zu geben.» (Siehe auch Interview-Kasten.)

Immer mehr Industrieunternehmen machen sich daran, diese neue Realität in ihre Geschäftstätigkeit zu integrieren. Dies bestätigt auch eine Studie des deutschen Bundesverbandes Digitale Wirtschaft (BVDW), die zeigt, dass Virtual- und Augmented-Reality-Anwendungen inzwischen fester Bestandteil der Unternehmenstrategien sind. Jedes zweite der 114 befragten Unternehmen nutzt VR-Filme im 360°-Modus oder plant sie zu nutzen.

Maschinenbau beobachtet deutlichen Trend hin zu VR- und AR-Anwendungen
Speziell der Maschinenbau ist aktuell dabei, VR- und AR-Anwendungen für sich zu entdecken. Ein Trend, den auch der deutsche Branchenverband VDMA (Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau) in ihrer aktuellen IT-Studie beobachtet, die letztes Jahr zur Branchenmesse «AMB» veröffentlicht wurde. «Die Ergebnisse zeigen, dass neben einer hohen Anzahl von Investitionsvorhaben im Zusammenhang mit der Digitalisierung von Prozessen insbesondere die Trendthemen wie IoT-Plattformen und Virtual Reality deutlich an Bedeutung gewonnen haben», brachte Rainer Glatz, Geschäftsführer VDMA Software und Digitalisierung, die Ergebnisse auf den Punkt.

Jedes fünfte Unternehmen, beschreibt die Studie, setzt bereits VR-Lösungen ein, in den nächsten zwei Jahren soll der Anteil auf rund 45 Prozent wachsen. «Technologisch», so die Autoren der Studie, «stehen dabei Smartphones, Tablets und Smart Glasses im Vordergrund. Bei den Einsatzbereichen setzen die Unternehmen ihre Schwerpunkte derzeit auf den Service (20 Prozent), den Vertrieb (11 Prozent) und die Produktentwicklung (11 Prozent). Andere Anwendungsgebiete wie Marketing, Produktion oder Logistik spielen bisher nur selten eine Rolle.»

Jeder vierte Schweizer ab 15 Jahren hat bereits Erfahrung mit VR
Noch. Denn eine weitere Entwicklung spielt dem Trend hin zur virtuellen Realität in die Hände: Laut dem «digiMonitor 2018» der  Zürcher Interessensgemeinschaft elektronischer Medien (Igem) hatte bereits jeder vierte Schweizer ab 15 Jahren schon einmal eine VR-Brille auf der Nase. Der Aha-Effekt setzt also bereits sehr früh ein.

Nicht umsonst plant man bei der Messe München, die virtuelle Welt auch für andere Messen und auf andere Branchen zu öffnen. «Ich sehe hier durchaus ein innovatives Kommunikationsmedium für unsere Aussteller und Kunden», sagt Projektleiterin Kästner. «Das konnte man übrigens bereits auf der diesjährigen Bauma erleben. Es gab einige Aussteller, die sich mit dem Thema Virtual und Augmented Reality intensiv auseinandergesetzt haben.»

Für Oliver Kramer, CEO der Swiss Professional Media AG, sind die erfolgreichen Aktivitäten der Wion GmbH ein Indiz, dass mit Virtual und Augmented Reality eine neue Ära der Wissens- und Emotionsvermittlung angebrochen ist: «Wir hatten auf der Messe viele Gespräche mit Usern, die sofort gesehen haben, dass sich für Ihre Unternehmen vollkommen neue Arten der Produkt- und Dienstleistungskommunikation auftun.»

Wichtig sei dabei allerdings, so Oliver Kramer, dass VR-Anbieter und -Kunde auf Augenhöhe kommunizieren: «Unser Alleinstellungsmerkmal ist, dass wir über unsere breit gefächerten Verlagsaktivitäten den direkten Zugang zu den Branchen haben, egal ob es um Medizin, Handel, Transport/Logistik oder Industrie geht: Wir kennen den Kommunikations- und Lösungsbedarf der einzelnen Branchen ganz genau und können diesen über unsere VR-Lösungen direkt widerspiegeln.»

 

Film ab: Das Bauma-Video zum Artikel

Über den weiter oben links nebenstehenden QR-Code kann das Video zur Sonderschau bauma VR Experience abgerufen werden.

 

Messe München GmbH, DE-81823 München
Tel. +49 89 949-20720, newsline@messe-muenchen.de

Wion GmbH, 4052 Basel
Tel. 058 958 96 55, info@wion.ch



Emotionen auf der Baustelle: Die Sonderschau VR Experience auf der Bauma war an allen Tagen voll ausgebucht. (Bilder: Johann Jilka)


Nichts für User mit Höhenangst: Der Blick aus dem schwankenden Aufzug in die Tiefe löste einige schrille Schreckensschreie aus. (Bild: Wion)


Fünf Fragen an Mareile Kästner, Messe München


Mareile Kästner, Projektleiterin Bauma, Messe München.

Frau Kästner, die Bauma als weltgrösste Baumaschinenmesse ist ein Paradies für Kräne, Muldenkipper & Co. Braucht es da noch eine virtuelle Baustelle, wie sie auf der Sonderschau «bauma VR Experience» zu erleben war?
Auch für uns war diese Art der medialen Darstellung Neuland. Das Schöne an der virtuellen Baustelle ist, dass man Produkte und Technologien in einem Umfeld präsentieren kann, das es in der realen Welt so kaum gibt oder das nur sehr aufwändig zu realisieren wäre. Die dort gesammelten Eindrücke bleiben deshalb als emotionales Erlebnis viel mehr im Gedächtnis. Man sieht im VR-Umfeld gewisse Sequenzen vielleicht nur wenige Sekunden, aber aufgrund der audiovisuellen Erfahrung begreift man sofort, um was es bei dem Produkt oder der Technologie geht und erkennt auch das mögliche Alleinstellungsmerkmal. 

Sie hatten so ein Aha-Erlebnis?
Mehrere. Man hatte wirklich das Gefühl, auf einer schwankenden Plattform in luftige Höhen transportiert zu  werden. Wer konnte, genoss dann den freien Blick auf die Baustelle; Höhenangst durfte man jedenfalls keine haben. Verstärkt wurde das Feeling noch durch den frischen Wind, der über Ventilatoren erzeugt den Baustellenbesuchern ins Gesicht blies. Genau diese realistische Abbildung mit der Einbeziehung einer vierten Dimension wie Wind oder einer Rüttelplatte, um die Bewegungen eines Bauaufzuges zu simulieren, war für uns wesentlich, als wir die VR Experience-Sonderschau konzipierten.
Wir haben uns ganz bewusst auf ein Thema konzentriert, nämlich die virtuelle Baustelle, und drumherum eine spannende Story erzählt. Das ist uns auch wunderbar gelungen. Elementar war die Einbeziehung der beteiligten Industriepartner, die sich mit teilweise witzigen Einfällen sehr gut in dieses Konzept eingebracht hatten. Gleichzeitig konnte der User intuitiv und intensiv über das Erlebte die vermittelte Fachinformation aufnehmen.

Wie waren Sie mit der Besucherresonanz der VR Experience zufrieden?
Wir hatten über den gesamten Messeverlauf ei­ne nahezu 100-prozentige Auslastung, also im Schnitt rund 20 Besucher in der Stunde. Wir haben sogar den Stand jeweils eine Stunde vor Messebeginn geöffnet, damit auch unsere Mitarbeiter und interessierte Aussteller in den Genuss des virtuellen Baustellenrundgangs kamen. Das war uns auch wichtig, denn nur durch diese Selbsterfahrung kann man abschätzen, welche Effekte die VR-Welt auslösen kann.

Könnte diese VR-Welt auch eine Bereicherung für andere Veranstaltungen der Messe München werden?
Definitiv ja. Es ist eine völlig andere, neue Art der Präsentation, die man ohne Weiteres auch auf andere Branchen oder Industrien adaptieren kann.

Wie funktionierte die Zusammenarbeit mit der Wion GmbH, die die virtuelle Baustelle in Szene gesetzt hatte?
Wion hat infolge einer Ausschreibung der Messe München zur VR Experience gepitcht und dann den Zuschlag bekommen. Und dies nicht zu Unrecht: Die virtuelle Baustelle ist genauso umgesetzt worden, wie wir uns das im Vorfeld erhofft hatten. Die Projektzusammenarbeit verlief sehr gut; wir hatten einen zuverlässigen und kompetenten Partner an der Seite. Die Messe München als Initiator und Träger des Projekts ist zufrieden und unsere Kunden ebenfalls. Es passte alles.

Stimmen der Besucher «Es war unglaublich gut gemacht»


Nadine Kirner und Jürgen Deffner, Geda-Dechentreiter GmbH. (Bilder: TR)


Sandra Lenhart, Otgon Enkhtuvshin, Michaela Schramer, Studentinnen.


Jànos Sànta, Leinberger Bau


Thomas Werner, Wacker Neuson GmbH


Benedikt Wagesreiter, Bauzeitung

«Wir sehen uns als Innovationsführer und sind deshalb bei der bauma VR Experience als Sponsor dabei. Die Umsetzung, die wir hier erlebt haben, war sehr beeindruckend, sehr innovativ. Wir denken, dass wir hier eine für uns zukunftsfähige Technologie gesehen haben. Man kann Virtual Reality nicht nur für die reale Arbeitswelt nutzen; auch vertriebs- und marketingtechnisch bieten sich völlig neue Möglichkeiten.» Nadine Kirner und Jürgen Deffner, Geda-Dechentreiter GmbH

«Wir kennen natürlich VR-Anwendungen. Aber das hier war ein ganz anderes Level. Es war wirklich toll und hat sich absolut realistisch angefühlt. Man würde niemals den Schritt über die Kante wagen; man hätte sofort das Gefühl, nach unten zu stürzen.» Sandra Lenhart, Otgon Enkhtuvshin, Michaela Schramer, Studentinnen

«Es war unglaublich gut gemacht. Ich beschäftige mich schon lange mit VR im Spielebereich. Aber das hier war eine ganz andere Liga. Man hat wirklich alles gespürt, wie in der realen Welt. Ich denke, Virtual Reality wird unserer Arbeitswelt neue Möglichkeiten eröffnen; speziell, wenn man in Richtung Wissens­transfer denkt». Jànos Sànta, Leinberger Bau

«Die Baustellenwelt kam sehr gut rüber. Was ich ein wenig vermisst habe, waren noch mehr Information zu den gezeigten Produkten. Aber insgesamt war es ein tolles Erlebnis.» Thomas Werner, Wacker Neuson GmbH

«Es war ein cooles Erlebnis. Man könnte diese VR-Welt durchaus nutzen, um dem Bauherrn bereits im Vorfeld einen guten Eindruck zu vermitteln, wie die spätere Baustellenrealität aussehen kann. Oder auch, um Begehungen zu machen, ohne dass man eine grosse Gruppe von Verantwortlichen vor Ort organisieren muss; jeder agiert nur von seinem Büro heraus.» Benedikt Wagesreiter, Bauzeitung