Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Trendreport: Ausgabe 12/2019, 09.01.2020

Der Osten lockt – heute erst recht

Der Osten lockt, auch oder gerade, wenn die Wirtschaft bockt. Viele Schweizer MEM-Unternehmen pflegen intensive Geschäftsbeziehungen in die Märkte des ehemaligen Osteuropas. Anlässlich der 61. «Internationalen Maschinenbaumesse Brünn», der wichtigsten Fachmesse zu diesem Thema in Ostmitteleuropa, konnte die «Technische Rundschau» sich ein differenziertes Bild der aktuellen Situation machen. Dieses ist wesentlich facettenreicher als erwartet.

Autor: Markus Schmid; Redaktor TR

Seit der Öffnung des Ostens sprechen wir von der Grossregion Ostmitteleuropa. Diese umfasst Polen, Tschechien, die Slowakei und Ungarn, manchmal werden auch Rumänien, Slowenien und Kroatien dazu gezählt. Für viele Unternehmen ist die Tschechische Republik heute wie damals der strategisch weitaus beste Standort, um sich einen Zugang zu dieser Grossregion zu erschliessen. Wer also die Region ausschliesslich als verlängerte Werkbank der MEM-Industrien westeuropäischer Staaten mit dem Vorteil tiefer Lohnkosten wahrnimmt, liegt falsch. Das mag zwar in den ersten Jahren nach dem Fall des Eisernen Vorhangs noch vermehrt so gewesen sein. Heute sind zwar die Lohnkosten immer noch vergleichsweise tief, die Bedingungen sind jedoch nicht flächendeckend dieselben. Es existiert ein Preisgefälle bei den Produktionskosten von Westen nach Osten auch deshalb, weil nicht in all diesen Staaten die fachlichen Kompetenzen, die Produktionsanlagen und die Infrastrukturen im gleichen Mass vorhanden sind. Aber schon immer war Böhmen, im heutigen Tschechien gelegen, mit einer langen Tradition im Maschinen- und Fahrzeugbau der Klassenprimus.

Auf der Brünner Messe wird aus diversen Referaten, unter anderem dem des stellvertretenden Regierungsvorsitzenden und Ministers für Industrie und Handel der Tschechischen Republik, Karel Havlíček, klar, dass sich die Tschechische Republik in einer intensiven Aufbruchsstimmung befindet. Havlíček beschwört in seiner Pressekonferenz und in einer Rede vor dem Messepublikum die Digitalisierung als den einzig gangbaren Weg hin zu dem Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell, das Staaten wie Deutschland und die Schweiz vorleben. Der Arbeitsmarkt der Tschechischen Republik verzeichnet zwar laut Havlíček eine für EU-Verhältnisse rekordtiefe Arbeitslosigkeit von weit unter drei Prozent, gibt ihm aber zu Sorgen Anlass, die sich wie jene der Schweizer MEM-Branche anhören: Der eigene Nachwuchs will sich lieber keine schmutzigen Hände mehr machen und drängt entweder in die Bürowelt oder an die Hochschulen, während die Industrieunternehmen händeringend nach Lehrlingen und Fachkräften suchen. Da diese aber im eigenen Land nicht im nötigen Mass vorhanden sind, werden sie laut Havlíček zunehmend aus den östlichen Nachbarländern wie der Ukraine, aus Weissrussland oder Rumänien importiert. Dem will die tschechische Regierung ab 2021 mit einem ambitionierten neuen Lehrplan in den Schulen begegnen. Dabei sollen vor allem die MINT-Fächer und die Kompetenzen gefördert werden, die vorab zur erfolgreichen Umsetzung der Digitalisierung in der Industrie benötigt werden, damit man diesen Zug nicht verpasst, sondern nutzen kann.

Der Wirtschaftsminister sieht die Republik sowohl volkswirtschaftlich wie auch was die Kompetenzen in den neuen Technologien anbelangt an der Spitze von Ostmitteleuropa und bezeichnet sein Land explizit als Schweiz des Ostens. Mit der prosperierenden Volkswirtschaft steigen jedoch auch die Preise generell und damit parallel die Lohnstückkosten. Diese Teuerungsspirale ist nur erfolgreich durchzuhalten, wenn die Aufträge nicht in die kostengünstigeren Nachbarländer abwandern. Das heisst, man muss Spitzentechnologie anbieten können, was gleichzeitig gemäss Havlíček eine erfolgreiche Digitalisierung der Industrie bedingt. Das Ziel ist klar: In einem Jahrzehnt will man annähernd auf dem Niveau von Deutschland, besser noch dem der Schweiz ankommen.

Passend zu den Ausführungen von Havlíček lautete das Motto auf der Messe «Digitale Fabrik 2.0», was in etwa auf Industrie-4.0-Ansätze hinauslief. Digitalisierte Lösungen waren in allen Hallen zu sehen. Die Präsenz von Schweizer Unternehmen war beeindruckend. Laut Messeveranstalter fanden sich insgesamt 63 Aussteller beziehungsweise Marken aus unserem Land. Die Liste liest sich wie das Who is who des Schweizer Maschinen- und Werkzeugbaus von Agathon über Bystronic, Fraisa, Kellenberger, Mikron Tool, Reiden, Reishauer Schaublin, Stäubli, Studer und Tornos hin zu Urma; also mehrheitlich KMU, aber auch grössere Unternehmen wie ABB, Bühler Uzwil und Güdel sind da.

Auf dem Rundgang wird klar, dass die Messe effektiv die wichtigste zum Thema Maschinenbau in ganz Osteuropa ist und für alle als Türöffner für diese Märkte wahrgenommen wird. Dies verdeutlichen die auf den Messeständen geführten Gespräche. Die Strategien sind jedoch unterschiedlich. Ein Geschäftsmodell besteht darin, in der Schweiz hergestellte Spitzentechnologie über einen Stützpunkt in Tschechien direkt in diesen Markt zu exportieren, so wie es die Fehlmann AG erfolgreich praktiziert. Alain Strebel, Area Sales Manager des Unternehmens für Tschechien und Osteuropa, erzählte, dass Fehlmann schon 1978 in der damaligen ČSSR über eine dort von einem ehemaligen Mitarbeiter gegründete Firma aktiv wurde. Heute vertreibt man die immer noch ausschliesslich im Stammwerk in Seon produzierten Maschinen von Tschechien aus bis nach Russland und organisiert auch den Service von Tschechien aus. In ganz Ostmitteleuropa und im angrenzenden Osten inklusive Russland erzielt der Schweizer Maschinenbauer laut Strebels grober Schätzung rund 20 Prozent des Gesamtumsatzes.

Für das Modell der Handelsfirma steht das Maschinenhandelsunternehmen Swisstool Export-Gruppe AG von Alexander Osterwalder. Er ist Geschäftsführer der 1938 von seinem Vater gegründeten Firma. Für Osterwalder ist Tschechien «sehr wichtig» als Absatzland, aber ebenfalls als Basis für den Handel in der ganzen Grossregion. Bis zu 70 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet sein Unternehmen in der Tschechischen Republik und in der Slowakei zusammengenommen. Servicearbeiten lässt er von eigenständigen Firmen vor Ort erledigen. Teilweise werden deren Mitarbeiter von Swisstool in der Schweiz speziell weitergebildet.

Der Linearführungsspezialist Schneeberger aus Roggwil geht noch weiter. Auf der Messe in Brünn ist man über die deutsche Niederlassung vertreten, mit der man über ein Standbein in der EU verfügt. In Tschechien ist man seit 2007 auch mit der Schneeberger Mineralgusstechnik s.r.o in Cheb präsent, die aus der Übernahme einer dort ansässigen Spezialfirma entstand. Sie stellt Maschinenbetten für Maschinenbauer her. Diese werden auch mit vormontierten Komponenten geliefert. Ein wichtiger Aspekt dabei ist, dass die zeitaufwendige Arbeit zu günstigeren Bedingungen in Tschechien erfolgen kann.

Thomas Alijew von Alfleth Engineering aus Lenzburg mit Niederlassung in Prag hält fest: «Die MSV ist die bedeutendste Messe in Mittel- und Osteuropa. Wir treffen hier Kunden aus der ganzen Region.»

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Interview Raoul Keller, Swissmem: «Tschechei ist für die Schweizer Industrie ein wichtiger Wachstumsmarkt»


Raoul Keller, Ressortleiter bei Swissmem (Bild: Swissmem)

Auf einem Empfang der HST Handelskammer Schweiz – Tschechien ordnete Raoul Keller, Ressortleiter bei Swissmem, im Interview mit der «Technischen Rundschau» die Bedeutung des tschechischen Marktes und dessen aktuelle Entwicklung ein.

Herr Keller, von welchem Volumen sprechen wir mit Blick auf den tschechischen Markt für die Schweizer MEM-Industrie?
Betrachten wir die monetäre Seite, können wir aufgrund der Kennzahlen von 2018 sagen: In unserer Branche setzten wir total 87 Milliarden Schweizer Franken um und exportierten letztes Jahr Waren im Wert von 69,7 Milliarden. Davon gingen 60 Prozent in die EU und 1,3 Prozent in die Tschechische Republik.

Das tönt nach nicht sehr viel…
Das sehe ich nicht so. Es handelt sich immerhin um gut 917 Millionen Franken. Unter allen EU-Ländern liegt die Tschechei als Exportland für uns an zehnter Stelle. Wir sehen die Tschechische Republik also als wichtigen Exportmarkt, gerade in diesen Zeiten, wo wir eine deutliche wirtschaftliche Abkühlung vor uns sehen. Da können wir keinen dieser Märkte vernachlässigen, sondern wir müssen die Potenziale noch besser nutzen.

Sie sprechen von einer Abkühlung. Wie dürfen wir das verstehen?
Ich spreche bewusst von einer Abkühlung, nicht von Rezession, da der Abschwung auf dem sehr hohen Niveau der guten Geschäfte von 2018 basiert. Die negativen Faktoren sind bekannt. Der deutsche Maschinenbauverband VDMA vermeldete kürzlich einen Rückgang der Auslandsbestellungen gegenüber Vorjahresniveau um 19 Prozent. Hinzu kommen auf politischer Ebene der unkontrollierte Brexit und die verschiedenen zwischenstaatlichen Handelskonflikte. Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass sich der Einkaufsmanagerindex bereits im Juli auf unter 44 Punkten wiederfand und damit auf dem tiefsten Niveau seit 2009. Im Handel mit der Tschechei stellen wir fest, dass unsere Exporte im ersten Halbjahr 2019 um 8,3 Prozent zurückgegangen sind. Immerhin zeigt diese Kurve über die Zeit seit 2009 betrachtet ein sehr stabiles, stetiges Wachstum. Die Märkte sind etabliert, es gibt keine Ausreisser. Das lässt hoffen. Zudem besagen wirtschaftliche Modelle, dass wir ab Mitte 2020 wieder wachsen können.

Sehen Sie ausser den bereits erwähnten Gründen weitere für diesen Rückgang im Handel mit der Tschechischen Republik?
Die tschechische Industrie ist extrem abhängig von der Situation in der deutschen Autoindustrie, und die befindet sich momentan ja auch nicht gerade im Hoch. Für unsere eigene Industrie ist bedenklich, dass sich hier zwei Effekte kumulieren: Die Schweiz ist weltweit gesehen mit Abstand der grösste Zulieferer von Werkzeugmaschinen für die deutsche Industrie. Die Tschechen liegen auf Platz 4. Es trifft uns also doppelt, und wir sitzen alle beide im selben Boot. Wenn die Industrie in Deutschland ein Problem hat, geht’s uns allen an den Kragen.

Was bedeutet das für die Schweizer Unternehmen, die auf den tschechischen Markt setzen?
Wir können einerseits High-tech-Produkte in die Tschechische Industrie exportieren, andererseits können unsere Produktionsstätten vor Ort die relativ preiswerten Arbeitskräfte nutzen. Gemäss einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft IW Köln von 2018 betragen die Arbeitskosten im verarbeitenden Gewerbe für eine geleistete Arbeitsstunde in der Tschechischen Republik 12,51 Euro. Das ist rund vier Mal günstiger als in der Schweiz mit 51,53 Euro. Wir können zudem die guten Produktionsanlagen und die gute Infrastruktur nutzen. Für Schweizer MEM-Unternehmer bleibt die Tschechei auf lange Sicht ein wichtiger und geografisch naher Wachstumsmarkt. Gemäss einer Umfrage von Deloitte erwarten sie mindestens 2,5 Prozent zusätzliches Wachstum, wenn sie dort einsteigen.

 

61. Internationale Maschinenbaumesse Brünn MSV

Roboter, Internet der Dinge, Systeme für virtuelle Simulationen oder Steuerung mit Hilfe künstlicher Intelligenz – die diesjährige MSV bestätigte, dass die digitalen Technologien in der tschechischen Industrie angekommen sind. Alle Hallenflächen des Messegeländes waren ausgebucht. Die Stände von 1662 Ausstellerfirmen aus 30 Ländern wurden in fünf Tagen von 81 000 Besuchern besichtigt. Die Attraktivität des tschechischen Marktes wurde durch die starke Präsenz ausländischer Firmen und Fachleute bestätigt. Aus dem Ausland stammten 829 Firmen, also die Hälfte aller Aussteller, wobei Deutschland, die Slowakei, China, Italien und Österreich am stärksten vertreten waren.

bvv.cz/de/msv