Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Trendreport: Ausgabe 01/2020, 17.01.2020

Konjunktur 2020: Der Abschwung fällt moderat aus

Nach einem fulminanten Start hat sich die MEM-Konjunktur 2019 im Jahresverlauf deutlich abgekühlt. Das zeigt auch die jährliche Konjunkturumfrage der «Technischen Rundschau» unter den massgeblichen Verbänden. Überraschenderweise fällt der Rückgang aber nicht so gravierend aus wie erwartet. Deshalb sind die Aussichten auf dieses Jahr zwar verhalten, aber nicht ausgesprochen negativ.

Autor: Wolfgang Pittrich, Chefredaktor Technische Rundschau



Bild: iStock


Grafik: TR

«Rechnen mit Stabilisierung auf tieferem Niveau»

Marcel Menet, Giesserei-Verband der Schweiz (GVS)


Marcel Menet, Geschäftsführer Giesserei-Verband der Schweiz. (Bild: GVS)

Konjunkturverlauf 2019 î
Die Giessereien vermelden für das zurückliegende Jahr eine leicht rückläufige Geschäftsentwicklung. In der ersten Jahreshälfte 2019 verhielt sich die Auftragslage gesamthaft in der Schweizer Giesserei-Industrie im stabilen Aufwärtstrend, mit kontinuierlich moderaten Zuwachsraten gegenüber 2018 in nahezu allen Anwendermärkten. In erster Linie wurden Zuwachsraten durch Neuaufträge aus dem gesamten Transportwesen, insbesondere aus der Automobil- und Nutzfahrzeugindustrie erzielt. Vermehrt gingen auch Aufträge rund um die E-Mobilität ein und aus dem gesamten Umwelt- und Energiesektor für neue nachhaltige Entwicklungen beispielsweise zur Trinkwasserversorgung und -aufbereitung. Für gute Produktionsauslastungen sorgte auch das anhaltend boomende Bauwesen im In- und Ausland.
Im zweiten Halbjahr schwächte die Wachstumsdynamik allerdings deutlich ab, was zu geringeren Produktionsauslastungen und Einbussen führte. Die Unternehmen vermelden daher für das zurückliegende Jahr eine leicht rückläufige Geschäftsentwicklung. Darin spiegelt sich der rückläufige Konjunkturverlauf in den wichtigen Exportmärkten unserer Industrie wider, die rund 80 Prozent des gesamten Geschäftsvolumens ausmachen. Für die deutliche Konjunkturabkühlung sorgte der Handelsstreit zwischen den USA und China, ebenso wie der ungelöste Brexit. Vor allem Grosskonzerne tätigten in diesem wirtschaftspolitisch unsicheren Umfeld 2019 zunehmend weniger grössere Investitionen.

Konjunkturausblick 2020 
Für eine baldige Trendwende bestehen noch wenig Hinweise. Demgemäss rechnen die GVS-Mitgliedsunternehmen in 2020 mit einer Stabilisierung des Geschäftsverlaufs auf tieferem Niveau.

Herausforderungen
Die Schweizer Giessereien sind anhaltend innovationsstark und investitionsfreudig, bestens dazu aufgestellt, um in nahezu allen Lebensbereichen zur Lösung der globalen gesellschaftlichen und wirtschaftspolitischen Aufgaben beizutragen. Eine zentrale Rolle spielt dabei in den Unternehmen die Implementierung digitaler Technologien in der Fertigung wie auch innerhalb der Wertschöpfungsketten mit Kunden, Lieferanten und Partnern – neben der Ausbildung und Förderung von Fachkräften. Der Mangel an Fachkräften spitzt sich immer weiter zu, so dass der Nachwuchsförderung durch attraktive Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten eine grosse Bedeutung mit verstärktem Engagement auch auf Verbandsebene für die nächsten Jahre zugemessen wird. Darüber hinaus stellen die Rahmenbedingungen hierzulande eine existenzielle Herausforderung für unsere Industrie dar; die zunehmende Regulierungsdichte und die steigenden Strompreise verursachen beispielsweise schon heute massive Zusatzkosten.

giesserei-verband.ch

 

«Ermutigend: Trotz angespannter Lage wird weiter investiert»

Jürg Marti, Swissmechanic


Jürg Marti, Direktor Swissmechanic. (Bild: Swissmechanic)

Konjunkturverlauf 2019 î
Gemäss der Quartalsbefragung von Swissmechanic schätzten im Oktober 2019 über 70 Prozent der Mitglieder die gegenwärtige Lage als ungünstig ein; im Juli 2019 waren es noch weniger als 50 Prozent. Der Hauptgrund ist der Auftragseingang aus dem In- und Ausland, welcher sich seit Januar 2019 kontinuierlich verschlechtert hat. Es gibt aber auch (verhalten) positive Signale. So erwarten die Unternehmen für das vierte Quartal keine weitere Verschlechterung der Auftragsdynamik. Auch die Stimmung der Einkaufsmanager (PMI) war im Oktober nur noch knapp negativ und hat sich damit seit dem Tiefststand im Juli etwas erholt.

Konjunkturausblick 2020 
Ermutigend ist, dass die KMU-MEM trotz der angespannten Lage mit gebotener Vorsicht weiter investieren. Ein Drittel der Unternehmen plant, im 2020 die Produktionskapazitäten auszubauen. Swissmechanic rechnet für 2020 mit einer leichten Erholung der globalen Investitionstätigkeit. Es ist davon auszugehen, dass die Unsicherheiten (vom Handelskrieg USA–China über den ungeklärten Brexit bis hin zu den offenen Erfolgschancen des Institutionellen Abkommens) auch im 2020 noch hoch sein werden, sich aber tendenziell entschärfen. Spätestens 2021 ist für die MEM-Branche deshalb eine Erholung realistisch.

Herausforderungen
Die Digitalisierung tangiert alle Geschäftsbereiche. Innovation und wirtschaftliches Wachstum entstehen dort, wo die Potenziale der Digitalisierung erkannt und richtig eingeordnet werden. Swissmechanic und die gesamte MEM-Branche werden sich mit weiteren technologischen Innovationen für Klimaanliegen stark machen; effizient und wirtschaftsfreundlich.

swissmechanic.ch

«Konjunktur in den Hauptmärkten darf nicht weiter abkühlen»

Stefan Brupbacher, Swissmem


Stefan Brupbacher, Direktor Swissmem (Bild: Swissmem)

Konjunkturverlauf 2019 î
Die Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie hat 2019 einen schnellen Abschwung erlebt. In den ersten neun Monaten reduzierten sich die Auftragseingänge im Vergleich zur Vorjahresperiode um 13,2 Prozent, die Umsätze um 3,7 Prozent und die Exporte um 1,4 Prozent. Noch Mitte 2018 befanden sich die Auftragseingänge auf einem vergleichsweise sehr hohen Niveau. Innerhalb von 15 Monaten erfuhren sie einen Volumenverlust von 27 Prozent. Das ist massiv.

Konjunkturausblick 2020 
Der PMI (Purchasing Manager Index), ein wichtiger Indikator für die künftige Entwicklung der Industrie, hat im Herbst 2019 seine Talfahrt nicht mehr fortgesetzt. Das nährt die Hoffnung auf eine Stabilisierung der Lage auf tieferem Niveau. Voraussetzung dafür ist, dass sich die Konjunktur in den Hauptmärkten nicht weiter abkühlt. Zudem darf es zu keinen politischen oder wirtschaftlichen Verwerfungen kommen. Entscheidend ist im Weiteren, dass sich der Schweizer Franken gegenüber dem Euro nicht wieder aufwertet.  

Herausforderungen
Vor einem Jahr stellte sich für viele Unternehmen die Herausforderung, den hohen Auftragsbestand abzuarbeiten, ohne dabei die Innovationsanstrengungen zu vernachlässigen. Aktuell dürfte es darum gehen, noch mehr an Effizienz zu gewinnen, um die Folgen des Abschwungs in Grenzen zu halten. Eine ganz spezielle Herausforderung dabei ist, die Fachkräfte halten zu können. Denn diese brauchen die Firmen, um zu innovieren und den nächsten Aufschwung erfolgreich angehen zu können. Und der kommt früher oder später bestimmt.

swissmem.ch

 

«2020 dürfte bezüglich Wachstumszahlen bescheidener ausfallen»

Roland Steinemann, SwissT.net


Roland Steinemann, Geschäftsführer SwissT.net (Bild: SwissT.net)

Konjunkturverlauf 2019 
Das Jahr 2019 hatte von Anfang an einen schweren Stand. Nachdem 2018 für viele Unternehmen ausserordentlich erfolgreich war und der positive Konjunkturzyklus auch schon länger anhielt, war eine Fortsetzung in gewohnter Manier eigentlich nicht zu erwarten. Der Umbau wichtiger Branchen, beispielsweise der Automobilindustrie, aber auch die anhaltende Verunsicherung auf den globalen Absatzmärkten, Stichwort: Handelskrieg, liessen eigentlich nichts Gutes erwarten. Darum ist es etwas überraschend, dass aktuell viele Unternehmen ihre Budgets erreichen. Entweder ist die Flaute ausgefallen, oder sie wartet noch etwas zu.

Konjunkturausblick 2020 
Mitentscheidend werden, wie so oft, die weltweiten Rahmenbedingungen sein. Diese beeinflussen alle grossen Industrien direkt und somit indirekt auch unsere Mitglieder. Global gesehen haben wir eine Zunahme an Bevölkerung und in vielen Regionen steigenden Wohlstand. Das generiert in der Folge auch Nachfrage nach industriell gefertigten Gütern und stützt den Konsum. Ob es der Schweizer Industrie weiterhin gelingt, die besetzten Nischen erfolgreich zu verteidigen, neue zu erschliessen und in kommenden Schlüsseltechnologien ganz vorne mitzumischen, kann leider nicht vorbehaltlos vorausgesetzt werden. Vieles machen wir als Staat, Gesellschaft und Unternehmen richtig – der mancherorts spürbare Drang weg von der Eigenverantwortung und hin zu neuen Regulatorien führt aber in eine falsche Richtung. Grundsätzlich sind viele Unternehmen klar positioniert und gut aufgestellt. Sie sind schlank organisiert, innovativ, gut vernetzt und in Bezug auf Sortiment und Absatzmärkte breit diversifiziert. Im Übrigen: Auch wenn 2020 bezüglich Wachstumszahlen bescheidener ausfallen dürfte als die Vorjahre – bereits für 2021 erwarten viele Konjunkturforschende ein wieder stärkeres Wachstum.

Herausforderungen
Die Digitalisierung wird weitere Bereiche abdecken. Wir dürfen diese Dynamik nicht unterschätzen. Auch Sales- und Marketingprozesse sind davon nicht ausgenommen. Wer es verpasst, seine Prozesse laufend zu trimmen und zu automatisieren, wird irgendwann zu wenig Marge haben, um mit Gewinn zu wirtschaften. Wir müssen noch schneller als bisher bereit sein, mit alten Gewohnheiten zu brechen und uns auf das Wesentliche zu beschränken oder zu konzentrieren. In einigen Fällen sollten wir auch mal eine schlankere Lösung zulassen, die nicht für jede exotische Eventualität vorbereitet ist.
Bleiben wir aufmerksam, wachsam, in Bewegung und bereit, Chancen spontan zu nutzen, auch wenn der Erfolg nicht immer von vorneherein garantiert ist.

swisst.net

 

«Ein Abwarten kann einen entscheidenden Wettbewerbsnachteil bedeuten»

Pirmin Zehnder, Tecnoswiss, Gruppe Metall


Primin Zehnder, Präsident Tecno-swiss, Gruppe Metall. (Bild: Tecnoswiss)

Konjunkturverlauf 2019 
Das abgelaufene Jahr entwickelte sich branchenabhängig unterschiedlich. Bei Kunden mit hohem Automotive-Anteil war die Verunsicherung schon zu spüren. Die Auslastung war generell nach dem sehr aktiven 2018 aber mit «Normalbetrieb» akzeptabel. Aufgrund der unsicheren Entwicklung wurde die eine oder andere Investition im zweiten Halbjahr aber auch schon mal vertagt. Diese Betrachtung nach den sehr erfolgreichen Jahren 2017/2018 liegt nach wie vor im grünen Bereich.

Konjunkturausblick 2020 
Es wird wohl entscheidend sein, wie das Jahr unter der aktuellen Konjunktursituation anläuft. Es sind nun zum Thema Brexit und Handelskrieg einige Entscheidungen gefallen, die eine weitere normalisierte Marksituation ermöglichen. Dieser Glaube an die Zukunft ist für unsere Kunden eminent wichtig, um auch weiterhin antizyklisch in die Weiterentwicklung der Unternehmung zu investieren. Ein Abwarten kann in dieser Phase schon einen entscheidenden Wettbewerbsnachteil bedeuten.

Herausforderungen
Die zyklisch Entwicklung unseres Marktes wird sich weiter akzentuieren. Die technische Entwicklung bezüglich Digitalisierung und den nötigen offenen Kommunikationsstandards wird uns weiter fordern. Die sinnvolle Verknüpfung, Visualisierung und Verarbeitung dieser Daten zur Auslösung von geeigneten Massnahmen ist im Entstehen. Der Werkplatz ist gefordert, diese Entwicklung zur Steigerung der Konkurrenzfähigkeit aktiv mitzugestalten. Eine weitere grosse Herausforderung ist die Rekrutierung, Ausbildung sowie Förderung der kommenden Generation.

tecnoswiss.ch

Meine Meinung

Der Verweis auf einen konjunkturellen Rückgang in diesem Jahr kommt wenig überraschend. Verwundert hat mich schon eher, wie moderat unsere fünf Konjunkturweisen den wirtschaftlichen Abschwung beurteilen: Kein warnender Zeigefinger, der auf einen Sturz ins Bodenlose verweist; keine mahnenden Worte, dass die Zitrone endgültig ausgepresst ist und kein besorgter Blick auf Produktionsverlagerungen ins Ausland. Im Gegenteil: 2020 scheint abgehakt; es wird bereits darauf verwiesen, dass 2021 alles wieder im konjunkturellen Lot sein könnte.Also nur eine vorübergehende Delle? Hoffentlich!

Wolfgang Pittrich, Redaktion Technische Rundschau