Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Trendreport: Ausgabe 02/2020, 08.02.2020

Werkplatz Schweiz und Digitalisierung: Von der Einsicht zur Auswirkung

Mit den vielbeachteten «Swiss Manufacturing Surveys» möchte das Institut für Technologiemanagement der Universität St. Gallen den Kenntnisstand über die Situation der produzierenden Schweizer Industrie verbessern. Ein Teil der letztjährigen Umfrage betraf das Thema «Digitalisierung und Industrie 4.0». Dabei zeigten sich deutliche Differenzierungsmerkmale zwischen Grossunternehmen und KMU.

Autor: Wolfgagn Pittrich, Chefredaktor TR

Im weltweiten Vergleich zur digitalen Wettbewerbsfähigkeit wird die Schweiz auf dem fünften Rang eingeordnet. Damit wird dem Werkplatz eine grundsätzlich hohe Fähigkeit bescheinigt, um den herausfordernden Prozess der Digitalisierung bewältigen zu können. Für das Verständnis zum Fortschritt der Digitalisierung existiert allerdings eine Vielzahl unterschiedlicher Bewertungsmethoden. Aufgrund dieser Vielflalt an Messmöglichkeiten, lassen sich Unternehmensgruppen studienübergreifend meist nur schwer vergleichen.

Um die Unterschiede zwischen Grossunternehmen und KMU zum aktuellen Status von Industrie 4.0 und Digitalisierung darzustellen, führt das Institut für Technologiemanagement der Universität St. Gallen (ITEM-HSG) jährlich zwischen April und August den Swiss Manufacturing Survey durch. Dafür werden Unternehmen mit mindestens einem Produktionsstandort in der Schweiz analysiert.

In diesem Rahmen wurden die Teilnehmer gefragt, welche Ziele sie in den Jahren 2019-2022 mit ihren Industrie 4.0- und Digitalisierungsaktivitäten verfolgen werden. Die wichtigsten Ziele sind dabei die Steigerung von Flexibilität und Fertigungseffizienz sowie die Integration von Kunden und Lieferanten in Geschäftsprozesse.

Es gibt allerdings grosse Unterschiede: KMU streben vor allem an, die Fertigungsflexibilität zu erhöhen. Grossunternehmen sehen hingegen die Steigerung der Fertigungseffizienz im Vordergrund. Im Schnitt stimmen Grossunternehmen zudem allen Zielen stärker zu als KMU. Dieser Sachverhalt deutet auf ein von Grossunternehmen grundsätzlich höher eingeschätztes Potential von Industrie 4.0 hin. Beim Angebot von neuen digitalen Services und Produkten sowie der Koordination von Produktionsstandorten liegen KMU im Vergleich zu Grossunternehmen weiter hinten.

Ausserdem wurden die Unternehmen gefragt, welches Stadium der Implementierung einer Reihe von ausgewählten Technologien sie Ende 2018 bereits erreicht hatten. Die in den meisten Unternehmen vollständig implementierten Technologien sind Fernwartung, Modellierung / Simulation / Visualisierung sowie Apps und Plattformen. Danach folgen Cloud Computing, 3D-Druck sowie M2M-Konnektivität (Maschinenvernetzung).

Grosse Unternehmen weisen im Schnitt auch hier einen höheren Implementierungsstatus über alle Technologien hinweg auf. Das Resultat überrascht nicht, denn bereits bei den verfolgten Zielen zeigt sich ein durchweg höher erwartetes Potential bei Grossunternehmen aus den eingeleiteten Industrie 4.0- und Digitalisierungsaktivitäten.

Die Studie zeigt aber auch: Grundsätzlich ist kein stark gegenläufiger Trend zwischen den Unternehmensgruppen zu erkennen – sie scheinen auf die gleichen Technologien zu setzen. Bei der Einführung von autonomer Robotik, Data Mining und autonomen Transportsystemen sind Grossunternehmen gegenüber KMU jedoch besonders weit fortgeschritten.

Schliesslich lässt sich bei Grossunternehmen eine höhere Erwartung an die mit den Industrie-4.0- und Digitalisierungsaktivitäten verfolgten Ziele feststellen und der  Implementierungsstatus entsprechender Technologien fällt höher aus. Im Vergleich zu KMU gehen die Trends bei Zielen und Technologien  tendenziell in die gleiche Richtung. So können KMU durch die Kollaboration mit Grossunternehmen profitieren (siehe auch Interview unten).



Bild: iStock


Differenzierung: Grossunternehmen beschäftigen sich intensiver mit der Digitalisierung und setzen dabei auf die Steigerung der Fertigungseffizienz. (Graphik: ITEM-HSG)

«Durch Kollaboration Defizite ausgleichen»

Die «Technische Rundschau» sprach mit Prof. Thomas Friedli, Direktor des Instituts für Technologiemanagement der Uni St. Gallen, über die Ergebnisse der Swiss Manufacturing Survey 2019, die Möglichkeiten zur Kooperation von Grossunternehmen und KMU und seine Empfehlungen für die Zukunft.


Thomas Friedli, Direktor des Instituts für Technologiemanagement der Universität St. Gallen: «Wir haben festgestellt, dass mit Industrie 4.0 kein Aufbau neuer Fertigungsstandorte in Hochlohnländern verfolgt wird. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass eine einmal verlagerte Produktion nur sehr unwahrscheinlich wieder an den Hochlohnstandort Schweiz zurückkehrt.» (Bild: HSG)

Herr Friedli, kommt für Sie das Ergebnis der Swiss Manufacturing Survey 2019 überraschend, dass sich Grossunternehmen und Mittelständler, also KMU, bezüglich der Einführung von Industrie 4.0 stark unterscheiden?
Die Ergebnisse der Studie von 2019 bestätigen Erkenntnisse aus der Literatur, dass KMU grundsätzlich konservativer mit dem Thema Industrie 4.0 umgehen. Dies konnte bereits in der Swiss Manufacturing Survey aus dem Jahr 2018 beobachtet werden. Oftmals liegt dies an den stärker begrenzten finanziellen und organisatorischen Ressourcen von KMU im Vergleich zu Grossunternehmen. Besonders interessant ist der Vergleich der Studien aus den Jahren 2018 und 2019 ...

Warum?
Hier zeigt sich ein deutlicher Trend, dass sowohl KMU als auch grosse Unternehmen im Allgemeinen weiter voranschreiten bei der Einführung von Industrie-4.0-Technologien und KMU nicht zurückfallen. Vor dem Hintergrund, dass vor allem für KMU die Kernkompetenzen oftmals in wettbewerbsfähigen Fertigungsprozessen liegen, ist dies eine positive Nachricht. Insofern ist das Ergebnis der Studie für uns nicht überraschend, aber dennoch sehr eindrucksvoll. Denn es zeigt auf, dass Schweizer KMU den Digitalisierungstrend nicht vernachlässigen. Andererseits besteht  jedoch Handlungsbedarf, um speziell die Schweizer KMU hinsichtlich Industrie 4.0 zu befähigen.

Welche konkreten Schlüsse lassen sich daraus vor allem für die KMU ableiten?
Vor allem KMU, die grundsätzlich stärker begrenzte Ressourcen sowohl in finanzieller als auch in organisatorischer Hinsicht aufweisen, können durch Kollaborationen Defizite ausgleichen. Weiterhin können die kleinen und mittleren Betriebe auch von den Erkenntnissen der grossen Unternehmen profitieren, um Fehler bei der Implementierung von Industrie-4.0-Technologien weitestgehend zu vermeiden. Im Allgemeinen sollte die Einführung von Industrie-4.0-Technologien wohlüberlegt und auf Basis systematischer Planung durchgeführt werden. Gleichzeitig muss auch das notwendige Commitment durch das oberste Management vorhanden sein, um mit höherer Wahrscheinlichkeit Erfolge zu erzielen. Zudem ist es wichtig, die beteiligten Mitarbeiter mit in den Prozess einzubeziehen und zu befähigen. Vor allem vor dem Hintergrund des sich rapide ändernden Wissensstandes sollten Unternehmen ihren Mitarbeitern die Vorteile und persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten durch neue Technologien aufzeigen.

Sie haben das Thema Kollaborationen von KMU und Grossunternehmen angesprochen und dass beide Seiten davon profitieren könnten. Wie könnte so eine Kollaboration praktisch aussehen?
Durch Kollaborationen von KMU und Grossunternehmen wird es möglich, das Risiko des Scheiterns bei der Implementierung einer Industrie-4.0-Technologie zu teilen. So können KMU finanzielle und organisatorische Restriktionen überwinden. Beispielsweise könnten neue Lösungen im Rahmen von gemeinsamen Forschungsprojekten entwickelt werden, in denen KMU und Grossunternehmen gleichzeitig eingebunden sind. Auch ein Zusammenschluss mehrerer KMU mit spezifischen Anforderungen an die Digitalisierung ist denkbar.

Welche Vorteile könnte so ein Vorgehen bringen?
Durch gemeinsame Projekte werden die Kosten für den einzelnen deutlich gesenkt, Risiken minimiert und Ergebnisse verbessert. Gerade Industrie-4.0-Technologien erfordern oftmals einen Wissensstand, der nur mit viel Aufwand initial innerhalb einer Organisation aufzubauen ist. Es gibt bereits zahlreiche Beispiele für eine positive Zusammenarbeit, beispielsweise in Form von Innosuisse-Projekten. Dabei ist die Berücksichtigung der unterschiedlichen Anforderungen von KMU und Grossunternehmen für den beidseitigen Erfolg sehr wichtig.

Wie weit fortgeschritten schätzen Sie generell die Implementierung von Industrie-4.0-Technologien in Schweizer Fertigungsbetrieben ein; auch im Vergleich zum Ausland?
Eine pauschale Aussage ist hier schwer zu treffen, da unter anderem industrieabhängig unterschiedliche Anforderungen und Herausforderungen für die Digitalisierung bestehen. Mit dem Swiss Manufacturing Survey wird der Fokus auf die Schweiz gelegt, sodass allein darauf basierend keine Aussage im internationalen Vergleich möglich ist. Allerdings haben wir überdies eine weitere Untersuchung zum Vernetzungsgrad von Maschinen bei Unternehmen aus dem DACH-Raum durchgeführt. Hierbei hat sich ein leichter, jedoch nicht statistisch signifikanter Rückstand von Schweizer Unternehmen beim Vernetzungsgrad gezeigt. Darüber hinaus gibt es internationale Studien, die belegen, dass die Schweiz besonders in der Digitalisierung der Produktion im Vergleich gut abschneidet.

Müssen die Schweizer Unternehmen – egal ob KMU oder Grossbetriebe – also noch mehr Anstrengungen in diese Richtung unternehmen? Welche Schritte würden Sie empfehlen?
Wir empfehlen Schweizer Unternehmen weiterhin Investitionen in sinnvolle Technologien zu tätigen, um nicht den Anschluss zu verlieren. Dabei ist es wichtig, Standards zu entwickeln und eine konsistente Datenbasis aufzubauen.  Die Zusammenarbeit zwischen IT und Produktion muss verschärft und das Lean Management berücksichtigt werden. Vor allem sollten zudem die Mitarbeiter in die digitale Transformation einbezogen werden. Mit unseren Studien haben wir festgestellt, dass mit Industrie 4.0 kein Aufbau neuer Fertigungsstandorte in Hochlohnländern verfolgt wird. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass eine einmal verlagerte Produktion nur sehr unwahrscheinlich wieder an den Hochlohnstandort Schweiz zurückkehrt. Daher ist es wichtig für den Werkplatz Schweiz, durch Industrie-4.0-Technologien die Produktion am Hochlohnstandort weiterhin wettbewerbsfähig zu gestalten. Die Schweiz hat dafür insbesondere mit ihren hochqualifizierten Arbeitskräften und der guten Infrastruktur beste Voraussetzungen, um den Wandel zu gestalten.

Wolfgang Pittrich

Institut für Technologiemanagement Universität St. Gallen
9000 St. Gallen, Tel. 071 224 72 60
manuela.landert@unisign.ch

item.ch

 

Auf einen Blick: Eckdaten zur Swiss Manufacturing Survey 2019

- 219 Teilnehmer: 124 kleine und mittlere Unternehmen (KMU) mit bis zu 249 Mitarbeitern; 95 Grossunternehmen mit mehr als 249 Mitarbeitern.
- 21 Branchen sind in der Studie vertreten.
- 50 Prozent aller Teilnehmer sind mit Produktionsstandorten inner- und ausserhalb der Schweiz international aufgestellt.
- 34 Prozent der Teilnehmer haben im letzten Jahr ihre Produktionskapazitäten in der Schweiz erweitert. Demgegenüber stehen lediglich 11 Prozent, die ihre Kapazitäten reduziert haben.
- 56 Prozent der Unternehmen haben mindestens eine Digitalisierungstechnologie vollständig implementiert; mit 27 Prozent hat Remote Maintenance hierbei den höchsten Anteil.
- Die Resultate der SMS 2019 sind unter item.ch/sms abrufbar. Alle produzierenden Unternehmen in der Schweiz sind zudem eingeladen, in diesem Jahr ebenfalls teilzunehmen. Dazu kann man sich unter item.unisg.ch/sms registrieren.