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«Noch nie dagewesenes Bühnenbild»

Vor wenigen Wochen gab Helene Fischer ihr bislang grösstes Konzert. Rund 130'000 Fans kamen nach München, um die Schlagersängerin live zu erleben. Dabei setzt die Künstlerin, die technischen Inszenierungen sehr aufgeschlossen gegenübersteht, immer wieder neue Akzente – so auch beim «Wetten, dass ...?»-Auftritt Ende vergangenen Jahres. Hier bewies Cuebot Stage Robotics, dass Industrieroboter zweckentfremdet werden können – mit grossem Erfolg, wie das exklusive Interview mit Cuebot-Mitgründer Sebastian Schurr verdeutlicht.

Herr Schurr, die meisten Leser der «Technischen Rundschau» dürften von Cuebot noch nichts gehört, gesehen oder gelesen haben – einerseits, weil das Start-up in Deutschland ansässig ist, und andererseits, weil es in der Veranstaltungsindustrie und nicht im klassischen Maschinen- und Anlagenbau beheimatet ist. Bitte stellen Sie Cuebot Stage Robotics kurz vor.
Cuebot Stage Robotics wurde von Lichtdesigner Marc Brunkhardt und mir 2020 ins Leben gerufen. Wir beide kennen uns schon länger aus der Veranstaltungstechnik und haben das eine oder andere Grossprojekt für lichttechnische Darstellungen zusammen gemeistert. Die Idee, Roboter in der Veranstaltungstechnik einzusetzen, schwebte Marc schon seit längerer Zeit vor, jedoch scheiterte es immer an der Umsetzung und den technischen Gegebenheiten. Erst nachdem wir eine technische Lösung gefunden haben, die Roboter in den stressigen Bühnenalltag zu integrieren, konnten wir unsere Lösung anbieten.

Wie konkret kann man sich die technischen Herausforderungen vorstellen?
Das Hauptproblem von Robotern in der Veranstaltungstechnik ist die Art und Weise der Programmierung. Nicht selten kommt es vor, dass in den letzten Minuten vor der Show noch kleine Anpassungen vorgenommen werden müssen. Diese Herausforderung ist mit der herkömmlichen Ansteuerung von solchen Robotern unmöglich. 
Erst ein völlig anderer Denkansatz zur Entwicklung einer separaten Steuerung für die Roboter liess unseren Traum Realität werden. Diese Steuerung erlaubt es uns, sämtliche Hürden in der Welt der Veranstaltungstechnik zu meistern. 

Da kommen wir gleich noch drauf zu sprechen. Vorher aber noch eine andere Frage: Der Auftakt von Cuebot Stage Robotics startete mit dem Dreh des Musikvideos zu Helene Fischers aktuellem Album «Im Rausch der Sinne» im August 2021, bei dem zwei Ihrer Roboter zum Einsatz kamen. Am 6. November folgte dann die Promotion ihres Songs «Null auf 100» in der ZDF-Sendung «Wetten, dass ...?», bei dem gleich vier Ihrer Roboter eingesetzt wurden. Wie kam es dazu, und um welches Roboter-Modell handelt es sich hierbei? 
Für den Auftritt bei «Wetten, dass ...?» suchten die Verantwortlichen nach einem noch nie dagewesenen Bühnenbild.  Hier kamen wir dann, aufgrund des vorausgegangenen Musikvideo-Drehs, relativ schnell ins Gespräch. Das Besondere daran: Das Publikum bekam so für jeden Part des Songs ein gänzlich anderes Bühnenbild zu sehen, was das Ganze sehr viel spektakulärer macht. Eingesetzt wurden hier Kuka-Roboter vom Typ KR210 mit einer KRC2-Steuerung. Diese Roboter sind zwar nicht die neuesten Modelle, dienen aber trotzdem voll und ganz dem Einsatzzweck.

Zurück zur Steuerung: Für die Bühnenshow setzten Sie auf die Kuka-eigene Steuerungssoftware. Die Bedieneinrichtung der Roboter ist jedoch eine komplette Eigenentwicklung, um dem Alltag im Event-Geschäft gerecht zu werden. Worauf galt es hier besonders zu achten, und wie gross war der damit verbundene Aufwand? 
Der Vorteil unserer Ansteuerung hat bei «Wetten, dass ...?» gezeigt, dass mit der herkömmlichen Ansteuerung dieses Projekt gescheitert wäre. Die vier Maschinen, samt angebauter Lichttechnik, mussten während der Proben insgesamt fünfmal auf- und abgebaut werden. Man kann sich sicher vorstellen, dass sich die Roboter mit einem Gewicht von insgesamt etwa vier Tonnen nicht einfach so exakt wieder an der gleichen Stelle wie vorher positionieren lassen – und das dann auch noch fünfmal hintereinander. Somit konnten wir jedes Mal die kleinen Abweichungen beim Aufbau in der Show schnell korrigieren, ohne die gesamte Programmierung neu anpassen und testen zu müssen. 

Grossartig! Warum haben Sie sich für Kuka-Roboter entschieden? 
Das lag einfach daran, dass die Kuka-Maschinen auch in grosser Stückzahl als Gebraucht­roboter zu bekommen sind. Das Preis-Leistung-Verhältnis ist hier einfach unschlagbar. Zudem sind die Ersatzteile leicht verfügbar und die Informationen sehr einfach und unkompliziert zugänglich. Weder Marc noch ich hatten grundlegende Erfahrungen in der Programmierung von Robotern, aber durch die vorhandene Community im Internet war es recht einfach, sich die ersten Programmierungen anzeigen zu lassen und erste Tests zu fahren. 

Nun handelt es sich bei den Kuka-Robotern nicht um sogenannte Cobots, die mit dem Menschen zusammenarbeiten (MRK). Dennoch interagieren die Bühnenroboter mit der Künstlerin und ihren Tänzerinnen und Tänzern. Insofern spielte der Sicherheitsgedanke eine entscheidende Rolle. Worauf war beziehungsweise ist hier besonders zu achten? 
Ganz klar ein wichtiger Punkt. Die grösste Hürde beim Umgang mit Künstlern und Robotern ist, dass die Choreografie im Vorfeld exakt durchgesprochen und einstudiert wird. Leider ist der Einsatz von zu viel Sicherheitstechnik ein Nachteil, was den Ablauf der Show betrifft. Viele am Markt verfügbaren Sensoren sind einfach zu sensibel, um den Gegebenheiten mit Licht- und Effekttechnik auf einer Bühne mithalten zu können. Daher ist es derzeit so, dass wir die Fahrtgeschwindigkeiten bei der Aktion mit Künstlern immer so gering wie möglich halten, um alle Risiken auszuschliessen. Zusätzlich stehen dem Operator immer zwei Sicherheitsposten mit Notaus- und Totmann-Schaltern zur Verfügung, die mit zwei unterschiedlichen Blickwinkeln die Interaktion beobachten und im Notfall die Fahrt bremsen oder stoppen können. 

Welche Rollte spielt bei den Bühnenrobotern das Thema Bildverarbeitung/-erkennung? 
Erste Ideen dazu sind derzeit in Planung. Vorstellbar ist zum Beispiel, dass der Künstler die Maschinen mit Gesten steuert oder die Roboter vorhandene Elemente auf der Bühne selbstständig greifen. 

Welche Hersteller haben Sie bei Anpassung Ihrer Roboter noch ins Boot geholt? 
Die Ansteuerung der Roboter basiert auf dem Grundsystem einer Beckhoff-SPS. Die EtherCat-Technologie war hier eine sehr gute Lösung, um auch alle Sicherheitsthematiken relativ einfach und unkompliziert abbilden zu können. Zudem war Beckhoff in den vergangenen Jahren im Theater- und Bühnbereich sehr aktiv, sodass wir hier auch auf vorhandene Module zurückgreifen können, um auf Interaktionen mit Licht- und Bildtechnik reagieren zu können. 

Wie gross ist der Programmieraufwand und worin unterscheidet sich dieser im Vergleich zur Programmierung im indus­triellen Umfeld?
Der Programmieraufwand ist im Vergleich zur herkömmlichen Roboter-Programmierung wesentlich geringer. Das liegt daran, dass wir mit einfachen Geokoordinaten arbeiten, die unsere Software dann an die Roboter kommuniziert. Positionen können beim Einsatz von mehreren Maschinen sehr einfach kopiert und dabei sogar noch invertiert oder gedreht werden, um das Abfahren von szenischen Licht­bildern zu vereinfachen. Der eigentliche Umfang einer Programmierung wird zwar so etwas minimiert, jedoch sind viele Funktionen, die Kuka ab Haus liefert, für einen derartigen Einsatz nicht relevant, sodass wir einfach drauf verzichten, diese zu verwenden. 

Generell gefragt: Worin unterscheidet sich ein Industrieroboter von einem Bühnenroboter? 
Der grösste Unterschied liegt darin, dass ein Industrie­roboter irgendwo aufgebaut wird und dort wahrscheinlich ein Leben lang seinen Dienst verrichtet, bis er durch ein neues Modell ersetzt wird. Ein Bühnenroboter macht exakt das Gleiche – nur mit dem Unterschied, dass er heute in Hamburg, morgen in Frankfurt und übermorgen in München steht, wenn Sie beispielsweise an eine Tour denken. 

Industrieroboter sind ja – modellabhängig – in der Lage, enorme Gewichte zu stemmen. Was wiegt eine Beleuchtungs­einheit und welche Herausforderungen entstanden dadurch?
Unser eingesetztes Modell hat eine maximale Tragkraft von 260 Kilogramm. Beim Aufbau für die Helene-Fischer-Show haben wir etwas länger gesucht, die passende Lampen mit der entsprechenden Unterkonstruktion zu finden, um das beste Mengen-Gewichts-Verhältnis zu finden. 

Betriebsgeheimnis – verstehe! Ihren Ausführungen von vorhin entnehme ich, dass Sie die Kuka-Roboter gekauft und nicht geleast oder gemietet haben. Entsprechend hoch dürften die Kosten für eine solche Bühnenshow sein ...  
Neue Maschinen sind für diesen Zweck einfach nicht refinanzierbar und auch nicht nötig. In der Welt der Veranstaltungstechnik spielt der Zehntel-Millimeter einfach keine Rolle, vielmehr die Robustheit und Zuverlässigkeit. Der Preis einer Show hängt stark davon ab, für welchen Zweck die Roboter eingesetzt werden sollen. Einen reinen Mietpreis gibt es hier erstmal nicht. Um ein Beispiel zu nennen: Gehen wir davon aus, dass Sie zwei bis drei Tage für eine Veranstaltung proben und am vierten Tag die Show stattfindet. Zum Einsatz kommen zwei Roboter mit je einem angebauten LED-Screen. Der Showdesigner hat mit Kosten in Höhe eines mittleren fünfstelligen Euro-Betrags zu rechnen. 

Wissen denn die Zuschauer den enormen Aufwand überhaupt zu schätzen?
Der Einsatz von Robotern in einem Bühnenszenario gibt mitunter neue Möglichkeiten frei, um beispielsweise lichttechnische Umsetzungen zu gestalten, die anders nicht möglich wären. Sind die Roboter gut ins Bühnenbild integriert, fallen sie dem Laie gar nicht mehr auf. Das ist auch nicht der Sinn. Vielmehr geht es gerade bei Installationen mit Licht darum, die gleichen Scheinwerfer und Lampen immer wieder neu zu positionieren, um mehr künstlerische Freiheit bei der Gestaltung zu haben. 

Welche Rückmeldungen haben Sie für den Einsatz Ihrer Bühnenroboter erhalten? 
Die Rückmeldungen aus der Veranstaltungstechnik sind bisher sehr positiv. Viele Designer und Agenturen melden sich immer häufiger bei uns und fragen nach einer Umsetzung. Leider ist es dieses Jahr nur so, dass sich durch den Corona-Event-Stau viele Veranstaltungen aus den vergangenen zwei Jahren angesammelt haben und diese erstmal nachgeholt werden müssen. Wir sind aber guter Dinge, dass wir im nächsten Jahr auch bei vielen neuen Projekten dabei sein werden und das eine oder andere Projekt begleiten dürfen. Viele Anfragen liegen derzeit zu Ausarbeitung vor. 

Im Zuge Ihrer Tätigkeit durften Sie die Schlagersängerin persönlich kennenlernen – sicher ein Traum vieler Fans. Welchen Eindruck haben Sie von ihr gewonnen?
Marc hat als Lichtsetzender schon mehrfach mit Helene zusammengearbeitet. Gegenüber technischen Inszenierungen ist sie sehr aufgeschlossen, und sie hat auch immer ein Wörtchen mitzureden (lächelt).

Joachim Vogl