Symbolbild Homeoffice

Viele Unternehmen wünschen sich zurzeit, dass ihre Mitarbeitenden, die aktuell im Homeoffice bzw. remote arbeiten, wieder häufiger im Betrieb sind. Beim Umsetzen entsprechender Vorhaben stossen sie jedoch oft auf Widerstände.


Textquelle: Dr. Georg Kraus
Redaktionelle Bearbeitung: Technische Rundschau

Im Frühjahr 2020 konnten plötzlich, quasi über Nacht Millionen Beschäftigte pandemie-bedingt nur noch im Homeoffice arbeiten. Diesen «Change» zu vollziehen, war für viele Unternehmen und ihre Mitarbeitenden ein Kraftakt – nicht nur organisatorischer Art: Küchentische wurden zu Schreibtischen umfunktioniert, Videokonferenzen ersetzten Meetings und solche Tools wie Microsoft Teams und Zoom wurden zum Rückgrat der Zusammenarbeit. Und: Viele im Verlauf der Jahre entwickelte Routinen wurden sozusagen über Nacht obsolet.

Entsprechend laut war damals vielerorts die Klage über die veränderte Arbeitssituation. Doch was ehedem eine Notlösung war, hat sich inzwischen für viele Mitarbeitende im Homeoffice bzw. die remote arbeiten* zum neuen Normal entwickelt. Entsprechend viele Irritationen, Widerstände und nicht selten Konflikte löst es aus, wenn Unternehmen ihren Mitarbeitenden verkünden: «Wir möchten, dass ihr künftig wieder vermehrt – oder sogar ausschliesslich – im Büro arbeitet.»

Warum Unternehmen eine stärkere Büropräsenz wünschen

Die hierfür genannten Gründe sind vielfältig und zumeist nachvollziehbar. So sammelten viele Unternehmen die Erfahrung bzw. ihre Top-Entscheider haben das mehr oder minder gut begründete Gefühl, dass durch das Arbeiten im Homeoffice bzw. an einem anderen Ort der Welt

  • die Qualität der Leistung sich – aus Kundensicht – verschlechtert,
  • die Innovationskraft der Organisation sinkt,
  • weniger neue, zukunftsweisende Ideen und Problemlösungen kreiert werden,
  • die Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen sinkt,
  • neue Mitarbeiter schlechter eingearbeitet werden,
  • die Zusammenarbeit leidet,
  • die Unternehmensentwicklung und Leistungserbringung sich schwieriger steuern lässt und
  • das „Wir-Gefühl“ gefährdende Konflikte entstehen – weil zum Beispiel die Mitarbeiter in der Produktion und im Vertrieb, die stets vor Ort sein müssen, sich gegenüber den Mitarbeitern, die zuhause oder gar remote arbeiten können, benachteiligt fühlen.

Mitarbeiter empfinden das Ansinnen als eine «Rolle rückwärts»

Dies alles sind Gründe, warum Unternehmen sich wieder mehr Präsenz ihrer «White-Color-Mitarbeitenden» im Büro wünschen. Doch diesen «Need» den Mitarbeitenden zu vermitteln, fällt ihnen oft schwer – vor allem, weil diese sich in der neuen Arbeitssituation inzwischen eingerichtet haben. Sie haben

  • die Vorzüge des Remote-Arbeitens bzw. des im Homeoffice-Arbeitens für sich erkannt, und
  • neue (Lebens- und Arbeits-)Routinen entwickelt, die sie bei einer stärkeren Präsenz im Unternehmen wieder aufgeben müssten.

Auf sie käme sozusagen ein erneuter Change zu – ein Change, den sie nicht selten als eine kulturelle «Rolle rückwärts» ihres Arbeitgebers erfahren.

Denn viele Homeworker schätzen es inzwischen, dass sie nicht mehr täglich ins Büro fahren müssen, weshalb sie mehr freie Zeit haben. Sie schätzen es zudem, dass sie tagsüber mal eben zwischendurch Einkaufen gehen, die Wäsche waschen, den Rasen mähen, Behördengänge erledigen können usw., weshalb ihre freie Zeit wirklich Freizeit ist, und sie mehr Zeit für ihre Hobbies und Familien haben. Ebenso schätzen sie es, dass sie nun morgens ihre Kinder zur Schule bringen und mittags mit ihnen essen können und leichter pflegebedürftige Angehörige betreuen können. Dies alles hat sich für sie zum neuen Normal entwickelt, weshalb eine Rückkehr ins Büro für sie gleichbedeutend mit mehr Stress, weniger Autonomie und höheren Kosten ist.

«Die vertrauen mir nicht, die wollen mich kontrollieren»

Und wenn Unternehmen eine Präsenzpflicht verordnen? Dann interpretieren nicht wenige Beschäftigte dies wie folgt «Die vertrauen mir nicht. Die wollen mich und meine Leistung wieder stärker kontrollieren.» Dies treibt sozusagen automatisch einen Keil in die Beziehung der Beschäftigten zu ihrem Arbeitgeber – ganz gleich, wie begründet der Verdacht ist.  

Dies gilt insbesondere für die Mitarbeitenden, die sich in den letzten Jahren bewusst für ihren aktuellen Arbeitgeber entschieden haben, weil dieser ihnen die Möglichkeit bot, weitgehend remote zu arbeiten; dies ist bei nicht wenigen, gerade jüngeren Mitarbeitenden der Fall. Dasselbe gilt für Mitarbeiter, die aufgrund der neuen Möglichkeiten, ihren Wohnort wechselten und nun weit entfernt vom Unternehmensstandort leben. Auch dies ist insbesondere bei hoch-qualifizierten Mitarbeitenden nicht selten der Fall.

Wird von diesen Mitarbeitern ohne individuelle Abstimmung eine höhere Präsenz im Unternehmen gefordert, haben diese nicht selten das Gefühl: Mir wird ein «Grundrecht» entzogen. Zudem nehmen sie eine entsprechende Forderung als einen autoritären Kurswechsel seitens ihres Arbeitgebers wahr – auch weil für sie, die Möglichkeit remote zu arbeiten, Ausdruck einer modernen, von einer Ergebnisorientierung statt Anwesenheitspflicht geprägten Arbeitskultur ist.

Wie Unternehmen bei einem solchen «Change» vorgehen sollten

Dies alles sollte Unternehmen bewusst sein, die ein Erhöhen der Präsenzzeiten erwägen. Sie sollten bedenken, dass dies aus der Warte ihrer Mitarbeitenden nicht nur einen organisatorischen, sondern auch kulturellen Change darstellt. Deshalb ist ein solcher Schritt mit großen Risiken behaftet und sollte sensibel in die Wege geleitet werden.

1.  Den realen «Need» checken

Nicht wenige der von Unternehmen empfundenen Defizite, die sie dazu veranlassen, ein Erhöhen der Präsenzpflicht zu erwägen, haben andere Ursachen, als dass die Mitarbeiter weitgehend im Homeoffice bzw. remote arbeiten. So wurden häufig Prozesse noch nicht ausreichend den veränderten Rahmenbedingungen angepasst, weshalb sich insbesondere an den Schnittstellen Fehler einschleichen.

Zudem sind die Führungskräfte häufig noch unzureichend für das Führen hybrider Teams bzw. von Mitarbeitern auf Distanz qualifiziert. Dann dient die erhöhte Präsenzpflicht nicht selten dazu, Führungsdefizite zu kompensieren.

Entsprechend wichtig ist eine saubere Analyse der Problemursachen, bevor Unternehmen das hochsensible Thema «Präsenz im Unternehmen» anpacken, was eigentlich stets zu (Interessen-)Konflikten führt.

2. Nachvollziehbare, faktisch belegbare Begründung

Statt abstrakt von «Markterfordernissen» oder «betrieblichen Notwendigkeiten» zu sprechen, sollten die Unternehmen anhand konkreter Zahlen, Daten und Fakten darlegen, wo aufgrund der geringen Präsenz im Unternehmen Defizite bestehen – zum Beispiel

  • beim Projekt- und Changemanagement,
  • beim Onboarding und im Kooperationsbereich,
  • bei der Qualitätssicherung und im Kundenservice

Je nachvollziehbarer und belegbarer die Argumentation ist, desto eher wird die Notwendigkeit eines Change akzeptiert.

3. Differenzierung statt Pauschallösung

Nicht jede Tätigkeit erfordert die gleiche Präsenz. Aufgaben, die einen Gedanken- und Ideenaustausch im Team erfordern, erfordern meist auch mehr gemeinsam verbrachte Zeit als Aufgaben, die alleine am PC erfüllt werden können. Eine Lösung, die den Interessen aller Prozessbeteiligten entspricht, kann lauten:

  • … feste Teamtage pro Woche für den Austausch, die Kreativarbeit sowie zur Stärkung des «Wir-Gefühls» und
  • … flexible Homeoffice-Tage für ein konzentriertes, individuelles Arbeiten.

4. Die Lösung – soweit möglich – im Dialog entwerfen

Unternehmen sollten ihre Mitarbeitenden in das Entwickeln neuer, tragfähiger Lösungen einbinden – zum Beispiel mittels

  • Befragungen zur optimalen Präsenzquote,
  • Workshops zum Gestalten hybrider Arbeitsmodelle,
  • Pilotprojekten mit Evaluation.

Wer mitgestalten sowie seine Interessen und Bedürfnisse einbringen kann, empfindet Veränderungen weniger als Zumutung.

5. Kompromiss- und Verhandlungsbereitschaft zeigen

Unternehmen müssen anerkennen, dass sich die Lebensrealitäten ihrer Mitarbeitenden geändert haben. Starre 5-Tage-Präsenzmodelle sind in vielen Branchen und Unternehmensbereichen weder nötig noch strategisch vorausschauend. Individuelle Lösungen – etwa für Eltern, Pendler, High-Performer und Experten mit einem raren Spezial-Know-how – signalisieren Gesprächs- und Kompromissbereitschaft. Auch Übergangsfristen können helfen, etwa bei Mitarbeitenden, die mit ihrem Lebenspartner an einem entfernten Ort wohnen.

6. Die Präsenzzeiten sinnvoll gestalten

Wenn Mitarbeitende wieder vermehrt im Unternehmen arbeiten, muss für sie ein klarer Mehrwert hiervon erkennbar sein – zum Beispiel, weil

  • dort statt reiner Bildschirmarbeit Workshops stattfinden oder  
  • die dortige Teamarbeit gut strukturiert ist und erkennbar das «Wir-Gefühl» fördert.

Bürotage, an denen alle Anwesenden – wie im Homeoffice – vereinzelt am Laptop sitzen und arbeiten, rechtfertigten den Pendelaufwand aus Mitarbeitersicht nicht.

7. Vertrauen kommunizieren und dokumentieren

Wichtig ist es von Anfang an, deutlich zu machen: Der Wunsch nach einer stärken Präsenz im Büro ist kein Indiz für ein mangelndes Vertrauen des Unternehmens in seine Mitarbeitenden. Dahinter stecke auch nicht das Bestreben diese und ihre persönliche Leistung stärker zu kontrollieren.

Dies gilt auch dann, wenn bei einzelnen Mitarbeitern oder Mitarbeitergruppen, der Wunsch dies zu tun, bei der Entscheidung durchaus mitschwingt. Denn werden Leistungsdefizite bei an sich wertvollen Mitarbeitern, die beim Arbeiten im Homeoffice jedoch einen Mangel an Eigenmotivation und -verantwortung zeigen, offen thematisiert, entstehen in der Regel vermeidbare Konflikte. Zielführender ist es meist, das Vorhaben mit dem Wunsch nach einer engeren Kooperation sowie einer stärkeren individuellen Förderung und Unterstützung der Mitarbeitenden zu begründen.

Risiken bei einem falschen Vorgehen

Unternehmen, die beim Realisieren ihres Wunschs, die Präsenz im Büro zu erhöhen, die genannten Punkte nicht beachten, riskieren

  • eine sinkende Identifikation,
  • verdeckte innere Kündigungen,
  • eine steigende Fluktuation und
  • einen höheren Krankenstand.

So berichten Unternehmen, die dieses Vorhaben bereits realisiert haben, immer wieder von einer deutlich erhöhten Zahl von krankheitsbedingten Fehltagen, bei den Mitarbeitern bzw. Mitarbeitergruppen, die nun wieder weitgehend oder gar ausschliesslich im Betrieb arbeiten; ein klares Indiz dafür, dass sie entweder den Wechsel nur widerwillig vollzogen haben oder nur bedingt dazu bereit sind, auf die Autonomie, die sie bei ihrer Lebensgestaltung beim Remote-arbeiten hatten, zu verzichten.

Gerade leistungsstarke Mitarbeitende und solche mit einem hohen Expertenwissen, die gute Arbeitsmarktchancen haben, reagieren auf einen ihnen auferlegten Zwang, wieder vermehrt im Büro zu arbeiten, denn auch sehr sensibel. Sie wechseln bei einem realen oder gefühlten Vertrauens- und Autonomieverlust schnell den Arbeitgeber.

Die Zukunft – nicht die Vergangenheit – im Blick haben

Die Debatte rund um das Thema «Im Homeoffice und remote arbeiten» ist kein rein organisatorisches, sondern auch ein kulturelles Thema. Unternehmen haben meist nachvollziehbare Gründe, wieder mehr Präsenz zu fordern. Die Mitarbeitenden haben jedoch auch gute Gründe, an der gewohnten Autonomie und Flexibilität bei der Arbeitsgestaltung festhalten zu wollen. Deshalb verliert, wer die Rückkehr ins Büro als Machtfrage behandelt. Wer sie hingegen als einen gemeinsamen Prozess des Aushandelns versteht, kann beides erreichen: eine höhere Präsenz und Performance sowie zufriedene Mitarbeiter.

Generell gilt: Beim Neugestalten der geltenden Arbeitsregelungen sollten die Unternehmen weniger die Vergangenheit «Was war früher besser?» als die Zukunft der Arbeit im Blick haben. Also zum Beispiel auch Fragen wie:

  • Welche Prozesse werden wir in naher Zukunft unter anderem mit Hilfe der KI weitgehend automatisieren? Und:
  • Welche Kompetenzen werden künftig essenziell für die Leistungserbringung unseres Unternehmens sein?“

Zudem sollten sie sich vergegenwärtigen: Die Zukunft der (Zusammen-)Arbeit in den Unternehmen liegt in der Regel nicht in einem Entweder-oder, sondern in hybriden Modellen, die die moderne Informations- und Kommunikationstechnik intelligent nutzen und sowohl die betrieblichen Erfordernisse als auch Bedürfnisse sowie Lebensrealitäten der Mitarbeitenden berücksichtigen.

Prof. Dr. Georg Kraus

*Die Begriffe „im Homeoffice …“ und „remote arbeiten“ werden fortan aus Gründen der Lesbarkeit, da die Grundproblematik bei ihnen dieselbe ist, weitgehend synonym verwendet.

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Zum Autor:

Dr. Georg Kraus ist Inhaber der auf das Themenfeld Change und Transformation spezialisierten Unternehmensberatung Kraus & Partner, Bruchsal (www.kraus-und-partner.de). Er hat eine Professur an der Technischen Universität Clausthal und ist Lehrbeauftragter an der Universität Karlsruhe und der IAE in Aix-en-provence.Formularbeginn

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