Barnaby Skinner sucht am Swissmem Symposium nach der Quelle des Schweizer Selbstvertrauens und findet sie in der politischen Verfassung. Seine Zahlen aus China erklären, warum.
Redaktionelle Bearbeitung: Eugen Albisser
Dieser Beitrag beruht auf einem Referat am 24. Swissmem Symposium vom 27. August 2026 im Lake Side Zürich. Alle Artikel und Reden der Strecke: technische-rundschau.ch/swissmem-symposium-2026
Woher kommt unser Selbstvertrauen? Mit dieser Folie eröffnete Barnaby Skinner, stellvertretender Chefredaktor der NZZ, sein Referat am 24. Swissmem Symposium vom 27. August im Lake Side in Zürich. Die Antwort sucht er im Vergleich und richtet den Blick zuerst nach Osten. China bleibe beeindruckend, sagt er, zeige aber deutliche Anzeichen der Verlangsamung, und die hänge direkt am staatlichen System. Dazu legt er ein Pferd aus Flammen auf, das an einem Turm aus Bundesordnern vorbeigaloppiert, beschriftet mit Steuern, Buchhaltung, Archiv. 2026 ist im chinesischen Kalender das Jahr des Feuerpferdes. Chinas technologische Dominanz, sagt Skinner, bleibe eine Fata Morgana.
Patente ohne Nutzen
Bei der Weltorganisation für geistiges Eigentum meldet China Jahr für Jahr neue Rekorde bei den Patentanmeldungen. Wer diese Daten genau durchforste, sagt Skinner, finde vor allem sogenannte Utility Models, Gebrauchsmuster, die oft nicht mehr verlängert würden, weil der wirtschaftliche Nutzen fehle. Auf über 90 Prozent beziffert er ihren Anteil. Chinas Stärke bleibe die Skalierung und Optimierung des Bekannten, eine ökonomische Leistung, aber keine technologische Führerschaft. Bei der künstlichen Intelligenz sieht er dasselbe Muster: Modelle wie DeepSeek oder Kimi K3 bauten westliche Architekturen nach und trimmten sie auf Effizienz. Ob ChatGPT in China entstanden wäre, bezweifelt er.
Auf einen Blick
- Über 90 Prozent der chinesischen Patentanmeldungen sind laut Skinner Gebrauchsmuster ohne wirtschaftlichen Nutzen.
- Zwölf Millionen Hochschulabsolventen pro Jahr, rund 20 Prozent der jungen Chinesen offiziell ohne Stelle.
- Zwei Milliarden Dollar: Übernahme des KI-Start-ups Manus durch Meta, im Juni 2026 rückabgewickelt.
- 2017: Siemens übernimmt Mentor Graphics, ohne diese Software gäbe es laut Skinner keine funktionierende Chip-Design-Branche.
- Drei Stationen, an denen Europa unverzichtbar ist: Chip-Design, Fertigung, Betrieb.
Skalierung gegen Erfindungsgeist
Am tiefsten klafft der Graben zwischen Fertigungskapazität und Erfindungshöhe für Skinner im Energie- und Hochleistungssektor. Chinas fast monopolistische Stellung bei Solarpaneelen nennt er eine Riesenleistung, aber Photovoltaik sei 2026 keine Raketenwissenschaft mehr. Es gehe ums Skalieren: Wer Glas und Silizium am günstigsten zusammenpresse, gewinne.
An der Frontlinie der Physik sieht er es umgekehrt. Peking investiere Milliarden in Kernfusion und Quantentechnologie und vermelde Laborrekorde, doch die entscheidenden Schritte zur kommerziellen Nutzbarkeit gelängen anderswo. Während China staatliche Reaktoren baue, zünde im Westen eine Start-up-Szene das Feuer der Kernfusion neu. Dasselbe gelte im Quantencomputing, wo IBM und Google dominierten. Ein universeller Quantencomputer brauche komplexe Softwarearchitekturen und nicht bloss rohe Rechenkraft, und dabei helfe keine billige Massenfertigung. Sein Fazit: Der Sprung von null auf eins lasse sich nicht am Fliessband erzwingen. Auf der Folie dazu stehen ein Solarfeld und ein Quantencomputer nebeneinander, Skalierung gegen Erfindungsgeist.
Niemand ist grösser als das System
Warum das so bleibt, erklärt Skinner politisch. Jack Ma, Gründer des Internetriesen Alibaba, kritisierte im Herbst 2020 in einer Rede in Shanghai die staatlichen Aufsichtsbehörden und warf den chinesischen Staatsbanken eine Pfandhaus-Mentalität vor. Wenige Tage später stoppte Peking den Börsengang seiner Finanztochter. Ma verschwand monatelang von der Bildfläche und musste die Kontrolle über sein Lebenswerk abgeben. Wer zu unabhängig denke, zu laut spreche und zu gross werde, sagt Skinner, werde demontiert.
Sechs Jahre später wiederholte sich das Muster. Die chinesische Regierung ordnete an, die Zwei-Milliarden-Übernahme des KI-Start-ups Manus durch den US-Konzern Meta rückabzuwickeln; vollzogen wurde die Trennung im Juni 2026. Ein autonom agierendes System, das im freien Netz operiert und unzensierte Daten sammelt, sei für das Regime in Peking der ultimative Albtraum. Auf der Folie dazu stehen zwei Bilder, Jack Ma links, Mark Zuckerberg rechts mit dem Manus-Logo auf dem Handy, daneben ein einziger Satz: Niemand ist grösser als das System.
Zwölf Millionen Absolventen
China bringt jährlich zwölf Millionen Hochschulabsolventen hervor für eine Wirtschaft, die vornehmlich Altenpfleger sucht. Ingenieure liefern Essen aus, Programmierer arbeiten in den Fabriken am Fliessband. Rund 20 Prozent der jungen Chinesen stehen offiziell ohne Stelle da, und die wahre Quote, da seien sich unabhängige Beobachter einig, liege deutlich höher.
Unter dem Stichwort «Bai Lan», es verrotten lassen, hat sich laut Skinner eine nihilistische Grundhaltung breitgemacht; er verweist dabei auf einen Artikel seiner NZZ-Kollegin Katrin Büchenbacher. Viele junge Menschen verweigerten den Konsum, entzögen sich dem Leistungsdruck und legten sich flach. Skinners Schluss daraus fällt hart aus: «Eine Generation, die aus purer Frustration kollektiv flachliegt und verrottet, kann keine technologische Revolution anführen.»
Die Sechzehnjährige an der Maschine
Das Gegenbild holt er aus einer Schweizer Werkhalle. Während in China ein frustrierter Masterabsolvent auf dem Moped Mahlzeiten ausfährt, steht in den Betrieben des Publikums eine sechzehn- oder siebzehnjährige Polymechanikerin und programmiert selbstständig eine computergesteuerte Werkzeugmaschine. «Wir geben 16-Jährigen die Verantwortung von Maschinen im Wert von Hunderttausenden von Franken», sagt Skinner und nennt das gelebtes Vertrauen in die Jugend.
Daraus wachse Innovation. Und dafür brauche es eine Grundstimmung, die sich schwer verordnen lässt: «Wahre Innovation braucht Optimismus.» Optimismus wiederum wachse nur dort, wo Freiheit herrscht. Innovation gedeihe weder im Überwachungsstaat noch in der Isolation: «Sie gedeiht in der frischen Luft der Freiheit.»
Europa stellt den Körper
Daraus leitet Skinner eine Dreiteilung ab, die auch auf der Folie steht. Die USA liefern den Geist, also KI-Modelle, Software und Risikokapital. Kanada und China besorgen die Nahrung, kritische Mineralien wie Lithium und Kobalt sowie gigantische Mengen an oft grünem Strom. Europa und die Schweiz stellen den Körper: Präzision, Maschinen, Fabrikinfrastruktur.
Drei Stationen der Lieferkette
Wie belastbar dieser Anspruch ist, führt Skinner an drei Stationen vor. Die erste ist das Chip-Design. Entwirft Nvidia in Santa Clara einen neuen Chip, geschieht das auf einer Software-Architektur von Siemens. Ohne deren Übernahme der amerikanischen Mentor Graphics im Jahr 2017, sagt Skinner, gäbe es heute vermutlich keine funktionierende Chip-Design-Branche.
Die zweite Station ist die Fertigung. Ohne die Lithographie-Maschinen von ASML aus den Niederlanden und die Optiken von Zeiss aus Deutschland lassen sich modernste Chips nicht herstellen. In einer einzigen solchen Maschine stecken Hunderte hochpräziser Ventile und Sensoren, oft auch aus der Schweiz.
«Die vermeintliche Souveränität des Silicon Valley endet schlagartig an der europäischen Exportkontrolle.»
Barnaby Skinner, stellvertretender Chefredaktor NZZ
Die dritte Station ist der Betrieb. Die amerikanischen Rechenzentren der Hyperscaler brauchen verlässliche Infrastruktur, Mittelspannungssysteme und Transformatoren, wie sie die Schweizer ABB und die französische Schneider Electric liefern. Fehlen diese, versinken die Anlagen im Blackout. Europa liefere das Nervensystem, die Muskeln und den Kreislauf für das amerikanische Gehirn.
Die Verhandlungsposition
Für Skinner ist das keine Degradierung zur Werkbank. Es ist der Ort, an dem sich entscheidet, ob eine Vision überhaupt gebaut werden kann. Daraus leitet er eine Verhandlungsposition ab: «Wer essentielle Hardware-Technologien liefert, der kann die Bedingungen der Kooperation mitdiktieren.»
Daraus folgt seine Aufforderung an die Swissmem-Mitglieder. Man müsse damit aufhören, sich kleiner zu machen, als man ist. Er zählt auf, worauf sich das stützt: das duale Bildungssystem, die politische Stabilität, ein freiheitliches System. Auf der letzten Folie vor dem Dank steht ein Foto des Werkareals eines Vakuumventil-Herstellers, darüber der Satz, auf den sein Referat zuläuft: Im Maschinenraum der Zukunft wird auch Schweizerdeutsch gesprochen.
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Impressum
Textquelle: Vortrag 24. Swissmem Symposium
Text: Eugen Albisser
Bildquelle: Swissmem
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