Innovationsweltmeister 2025
Patentanmeldungen pro Mio. Einwohner
Die Schweiz ist Patentweltmeisterin. Doch wer die Zahlen des Europäischen Patentamts aufschlüsselt, findet neben Pharma und Präzisionstechnik einen überraschenden Treiber: den zweitgrössten Schweizer Patentanmelder kennt man eher von der Zigarettenschachtel als aus dem Forschungslabor.
1’096 Patentanmeldungen pro Million Einwohner. Als das Europäische Patentamt (EPA) am 24. März seine Jahreszahlen veröffentlichte, lag in der Pressemitteilung ein Ton, den man als gedämpften Triumph bezeichnen könnte. Die Schweiz führt das weltweite Ranking an, zum wiederholten Mal. Finnland folgt mit 613, Schweden mit 446, Deutschland mit 293. Die USA kommen auf 135. Es ist die Art von Statistik, die in Leitartikeln zitiert wird, wenn es darum geht, den Werkplatz Schweiz zu verteidigen: Seht her, wir erfinden noch.
9’914 Patente meldeten Schweizer Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Einzelpersonen 2025 beim EPA an. Ein minimaler Rückgang von 0,5 Prozent gegenüber dem Rekordjahr 2024, aber immer noch Rang 7 weltweit und Rang 3 in Europa, hinter Deutschland und Frankreich. Das EPA selbst knackte erstmals die 200’000er-Marke: 201’974 Anmeldungen, ein Plus von 1,4 Prozent.
Die Botschaft: Europa erfindet, und die Schweiz erfindet am dichtesten.
Wer allerdings die Pressemitteilung nicht nur liest, sondern auch ihre Fussnoten studiert, stösst auf eine Verschiebung, die den vertrauten Stolz in ein anderes Licht rückt.
Zur Fussnote «sonstige Konsumgüter»
Das stärkste Technologiefeld der Schweiz bleibt die Medizintechnik: 965 Anmeldungen, obwohl der Bereich um 7,7 Prozent zurückging. Auf Platz 2 aber schob sich eine Kategorie, die im Vorjahr noch hinter der Messtechnik lag: «sonstige Konsumgüter». 931 Anmeldungen, ein Plus von 12,7 Prozent. Die Messtechnik, einst jahrelang an der Spitze der Schweizer Patentstatistik, fiel mit 830 Anmeldungen und einem Minus von 8,6 Prozent auf Platz 3 zurück.
«Sonstige Konsumgüter» klingt nach Haushaltswaren und Spielzeug. Die Fussnote 2 des EPA-Berichts klärt auf: Die Kategorie umfasst «persönliche und Haushaltsgegenstände, die in keine der anderen spezifischen Kategorien fallen, Dazu zählen beispielsweise Kleidung, Schmuck, Musikinstrumente sowie tabakbezogene Technologien, einschliesslich E-Zigaretten».
Ein Blick auf die Liste der grössten Anmelder macht die Sache konkreter. Hoffmann-La Roche führt das Ranking mit 681 Patentanmeldungen an, trotz eines Rückgangs von 4,1 Prozent. Philip Morris folgt auf Platz 2 mit 680 Anmeldungen und einem Wachstum von 37,4 Prozent. Der Abstand zwischen dem grössten Schweizer Pharmakonzern und dem grössten Schweizer Tabakkonzern: ein einziges Patent.
Roche entwickelt Krebsmedikamente und Diagnostika. Philip Morris entwickelt Wege, Tabak zu erhitzen statt zu verbrennen. Beide sind, gemessen an der Zahl ihrer europäischen Patentanmeldungen, praktisch identisch innovativ. Das ist die Art von Gleichung, die zum Nachdenken zwingt.
Der Cube am See
Philip Morris’ Patentoffensive hat einen konkreten Ort: Neuenburg. Am Ufer des Neuenburgersees steht der «Cube», ein verglaster Forschungskomplex, den der Konzern 2009 einweihte. 980 Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker arbeiten hier an Produkten, die Nikotin verabreichen, ohne Tabak zu verbrennen.
Seit 2008 hat Philip Morris International nach eigenen Angaben über 14 Milliarden Dollar in die Entwicklung rauchfreier Produkte investiert. 759 Millionen Dollar flossen allein 2024 in Forschung und Entwicklung, 99 Prozent davon in rauchfreie Technologien wie Iqos, ein Gerät, das Tabaksticks erhitzt statt verbrennt.
Die Wirkung auf die Schweizer Statistik ist messbar. Der Kanton Neuenburg verzeichnete 2025 einen Anstieg der Patentanmeldungen um 22,1 Prozent auf 923 Anmeldungen, den zweithöchsten Zuwachs unter den Kantonen mit mehr als 100 Anmeldungen. Mit einem Anteil von 9,3 Prozent aller Schweizer EPA-Anmeldungen liegt Neuenburg auf Platz 6 unter den Kantonen. Philip Morris’ Forschungscampus ist einer der grössten Arbeitgeber der Region.
Man kann Philip Morris’ Transformation als technologische Leistung lesen: ein Konzern, der erkannt hat, dass sein Kernprodukt tötet, und Milliarden investiert, um es zu ersetzen. Man kann sie aber auch als die Geschichte einer Industrie lesen, die ihre Abhängigkeitsprodukte modernisiert, um regulatorischen Druck zu umgehen und neue Märkte zu erschliessen. Beide Lesarten sind gleichzeitig möglich. Das macht die Sache interessant, und die Patentstatistik komplizierter, als die Pressemitteilung vermuten lässt.
Was wächst, was schrumpft
Die Verschiebung im Schweizer Patentportfolio geht über Philip Morris hinaus. Mehrere der klassischen Stärkefelder verlieren:
- Medizintechnik minus 7,7 Prozent,
- Messtechnik minus 8,6 Prozent,
- Computertechnologie minus 5,6 Prozent,
- elektrische Maschinen minus 4,9 Prozent.
Die Pharmazeutika und Biotechnologie halten sich auf hohem Niveau stabil (minus 1,9 beziehungsweise minus 1,6 Prozent), während die entsprechenden Bereiche beim EPA insgesamt stärker zurückgingen. Das unterstreicht die relative Stärke des Schweizer Life-Sciences-Sektors, lässt aber die Frage offen, ob die Kurve langfristig hält.
Wachstum gibt es dort, wo man es auf den ersten Blick nicht erwartet. «Sonstige Spezialmaschinen», eine Kategorie, die laut EPA...
- Werkzeugmaschinen und 3D-Druck umfasst, wuchsen um 32,1 Prozent auf 333 Anmeldungen: das stärkste Wachstum aller Technologiefelder.
- Das Transportwesen wuchs um 14,2 Prozent auf 370 Anmeldungen,
- die Lebensmittelchemie wuchs um 7,4 Prozent.
Während die traditionellen Leuchtturmbranchen der Schweiz leicht an Boden verlieren, schiebt sich die industrielle Fertigung von hinten nach vorne.
Das Bild, das sich ergibt, ist das einer Innovationslandschaft im Umbau. Die Schweiz erfindet nicht weniger, aber sie erfindet anderes als vor fünf Jahren. Ob das ein Zeichen von Anpassungsfähigkeit ist oder von Erosion in den Kernfeldern, lässt sich aus einer einzigen Jahresstatistik nicht ablesen. Die Richtung aber ist deutlich.
Drei Hochschulen in Europas Top 10
Ein Befund, der in der Pressemitteilung fast untergeht: Schweizer Universitäten gehören zu den patentaktivsten in Europa. Die EPFL belegt mit 103 Anmeldungen den zweiten Platz unter den Institutionen der 39 EPA-Mitgliedstaaten, gleichauf mit der KU Leuven aus Belgien. Die ETH Zürich folgt auf Platz 4 mit 81 Anmeldungen, die Universität Zürich erreicht mit 41 Anmeldungen Platz 10. Drei Schweizer Hochschulen in den Top 10: ein Wert, den kein anderes Land in dieser Dichte vorweisen kann.
Dass die Schweizer Innovationskraft nicht nur von Konzernen getragen wird, sondern auch von öffentlich finanzierten Hochschulen, ist eine Stärke, die in der Debatte um Standortpolitik oft übersehen wird. Die Frage ist, ob die Brücke zwischen akademischer Forschung und industrieller Anwendung trägt, oder ob die Patente in Schubladen verschwinden.
Die Erfinderinnen-Lücke
Weniger schmeichelhaft: Nur 27 Prozent aller Schweizer Patentanmeldungen stammen von Teams, an denen mindestens eine Frau als Erfinderin beteiligt war. Die Schweiz liegt damit auf Platz 17 von 39 EPA-Mitgliedstaaten, knapp über dem Durchschnitt von 26 Prozent. Spanien kommt auf 42 Prozent, Finnland auf 34, Frankreich und Belgien auf je 32. Die Patentweltmeisterin hat ein Diversitätsproblem, das der EPA-Bericht in einem einzigen Absatz abhandelt.
Was Patente zählen
Patentanmeldungen sind, wie das EPA selbst schreibt, ein «Frühindikator für Investitionen in Forschung und Entwicklung». Sie messen, wie viel Geld Unternehmen und Institutionen in die Absicherung neuer Ideen stecken. Sie messen nicht, ob diese Ideen die Welt besser machen. Sie unterscheiden nicht zwischen einem Verfahren, das Tumore schrumpfen lässt, und einem Gerät, das Nikotin ohne Rauch verabreicht.
681 Patente für Krebsmedikamente. 680 für erhitzte Tabaksticks. In der Statistik wiegt beides gleich schwer. Die Schweiz kann stolz sein auf ihre Erfindungsdichte. Aber ein Blick in die Fussnoten zu werfen, schadet manchmal nicht, um sich ein konkretes Bild zu machen.
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