An den Swiss Cyber Security Days wurde heftig über die digitale Souveränität in Europa diskutiert. Das Fazit: Jede Firma entscheidet bei der Beschaffung, ob sie diese wahrnehmen will oder nicht. Denn Alternativen sind vorhanden.
Digitale Souveränität war kein Nebenthema bei den Swiss Cyber Security Days in Bern. Sie war das zentrale Thema des gesamten Programms. Podiumsdiskussionen drehten sich darum. Briefings kamen immer wieder darauf zurück. Gespräche auf der Ausstellungsfläche orientierten sich daran.
Die Kathedrale: Was auf der Hauptbühne diskutiert wurde
Auch auf der Pressekonferenz war es das grosse Thema. Konferenzpräsident Nik Gugger eröffnete die Veranstaltung mit ungewöhnlicher Klarheit:
«Digitale Infrastruktur ist nicht mehr nur Technologie. Sie ist Macht. Sie ist wirtschaftliche Stabilität. Sie ist nationale Souveränität. Sie ist die Demokratie selbst.»
Und Programmdirektor Nicolas Mayencourt präzisierte den Rahmen:
«Wir haben alles digitalisiert, aber auf einer Infrastruktur, die nicht uns gehört. Heute leben wir in einer digitalen Kolonie und mieten Infrastruktur von einer sehr kleinen Anzahl sehr mächtiger Anbieter. Für einzelne Bürger ist es eine Option, zur Miete zu wohnen. Für uns als souveräne Nation ist das keine Option.»
Das waren keine Aussagen von Anbietern, sondern die strategischen Positionen der Menschen, die die Konferenz konzipiert haben.
Später gab es zum Thema auch eine Keynote der Ökonomin Cristina Caffarra, eine Mitbegründerin der EuroStack-Initiative. Auch sie beeindruckte mit einer Offenheit und Klarheit, die man oft bei Keynotes vermisst.
Regulierungen haben nichts gebracht
Caffarra begann mit einem Geständnis.
«Ich komme aus dem Bereich Kartellrecht und Regulierung. Ich war persönlich an vielen dieser Fälle beteiligt. Es war gut gemeint, prinzipientreu und voller Integrität. Nur wurde mit der Zeit klar, dass wir nicht viel erreichten.»
Europa hätte mehr als ein Jahrzehnt damit verbracht, Kartellverfahren und Regulierungsrahmen gegen grosse Technologieplattformen aufzubauen. Ihre Einschätzung ist unverblümt:
«Vor Ort hat sich nichts geändert. Überhaupt nichts. Wir haben die Position dieser Monopole nicht geschwächt.»
Ihre Logik ist struktureller Natur. Man baue keine Branche auf, indem man einen Monopolisten reguliert. Man könne zwar das Verhalten einschränken, aber man schaffe damit keine Alternative.
«Stellen Sie sich vor, Sie wären in den Vereinigten Staaten und eines Morgens käme im Radio folgende Durchsage: Liebe Mitbürger, 80 bis 90 Prozent unserer Infrastruktur befinden sich in den Händen der Europäer. Was würden die Amerikaner Ihrer Meinung nach tun? Würden sie sagen: Lasst uns regulieren? Oder würden sie sagen: Wie konnte das passieren? Wir sollten aggressiv aufbauen.»
80 Prozent der Cloud-Infrastruktur in drei Händen
Die Zahl, auf die sie zurückkommt, lässt aufhorchen: Rund 80 Prozent der Cloud-Infrastruktur in Europa wird von drei Unternehmen kontrolliert.
«Während wir damit beschäftigt waren, die oberste Ebene zu regulieren, App Store, Google Search, Amazon Marketplace, haben sie Europa mit Rechenzentren und Konnektivität überzogen, die nicht uns gehören. Wir haben weggeschaut.»
Ihre Argumentation hat keinen antiamerikanischen Unterton.
«Ich bewundere diese Unternehmen. Sie sind sehr gut in dem, was sie tun. Sie hatten einen reichen, offenen Markt in Europa und haben zugeschlagen. Daran ist nichts auszusetzen. Wir haben keinen Widerstand geleistet.»
Aber die wirtschaftlichen Folgen sind messbar. Jedes Jahr fliessen rund 260 Milliarden Euro aus Europa in die Vereinigten Staaten als Zahlungen für digitale Infrastruktur und Dienstleistungen. Dieses Kapital fliesst nicht zurück.
Für die Schweiz ist die Lage nicht anders.
«Die Schweiz befindet sich genau in derselben Situation wie der Rest Europas. Die gleiche Infrastruktur erstreckt sich auch auf die Schweiz.»
Die Nachfrage ist der Engpass
Der schärfste Teil von Caffarras Argumentation betrifft nicht das Angebot. Es gäbe ja europäische Anbieter. Ausserdem gibt es Talente und die technischen Fähigkeiten.
Was fehlt sind Kunden.
«Das Angebot ist nicht das Problem. Das Problem ist die Nachfrage. Die Nachfrage hat es sich in der Umarmung der amerikanischen Unternehmen bequem gemacht.»
Niemand investiert spekulativ in Infrastrukturprodukte, für die es keine Kaufzusagen gibt. Vorstände optimieren im Hinblick auf die Reife des Ökosystems, kurzfristige Effizienz und wahrgenommene Sicherheit. Das heisst aber dann nichts anderes, als dass der Etablierte gewinnt und sich so die Konzentration vertieft.
Infrastruktur bestimmt, was darauf entsteht
Das Argument geht über Hosting und Computing hinaus. Die digitale Infrastruktur bestimmt, wo Innovation stattfindet und wer ihren Wert für sich nutzt.
«Wenn wir nicht über eine eigene Infrastruktur verfügen, werden wir nicht in der Lage sein, darauf aufbauend Dienstleistungen zu entwickeln und Innovationen zu schaffen, die für uns Europäer produktiv sind.»
Für Industriezweige und spezifisch für die Schweizer Wirtschaft wird das Argument konkret.
«Die Schweiz hat Dinge, die die Amerikaner nicht haben. Den Maschinenbau zum Beispiel mit unübertreffbaren Maschinen. In Kombination mit KI hat die Schweizer Industrie die Chance, mit Sicherheit erfolgreich zu sein.»
Industrielle KI könnte generell zu Europas Wettbewerbsvorteil werden. Aber ein KI-Unternehmen, das vollständig auf ausländischer Infrastruktur läuft, baut auf dem Fundament eines anderen auf.
Nciht auf die Regierung warten
Der vielleicht provokanteste Aspekt von Caffarras Botschaft ist kultureller Natur.
«Es liegt an uns. Wir müssen aufhören, uns von der Vorstellung infantilisieren zu lassen, dass Regierungen die Zukunft für uns gestalten werden.»
Sie lehnt Regulierung nicht grundsätzlich ab. Sie lehnt die Illusion ab, dass Regulierung Märkte schafft.
Europa, so argumentiert sie, habe nach wie vor die Fähigkeit, im Wettbewerb zu bestehen.
«Wir sind keine Mittelmacht. Wir sind eine Supermacht.»
Ihr Rat an die Industrie, den sie im nachträglichen Gespräch mit der TR direkter formulierte als auf der Bühne, war prägnant:
«Machen Sie einfach. Bauen Sie einfach. Tun Sie so, als wären Sie in Texas.»
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Der Basar: Welche Alternativen gibt es?
Das war sozusagen nun die Kathedrale, die Bühne, die Reden, die Strategie.
Dann gab es noch die Ausstellungsfläche, der Basar, um es mit den Worten von Eric S. Raymond zu sagen, der 1997 zwei Modelle der Softwareentwicklung beschrieb: die Kathedrale, zentral geplant und kontrolliert, und den Basar, dezentral und organisch gewachsen. Auf die Infrastruktur übertragen: Big Tech baut Kathedralen, europäische Anbieter bilden den Basar.
Mit Angeboten, die zwar klein sind im Vergleich zu ihren amerikanischen Mitbewerbern, aber dafür andere Vorzüge aufweisen.
Hier sind ein paar solcher Unternehmen.
Es muss nicht immer AWS sein
Hosttech ist seit zweiundzwanzig Jahren tätig. Schweizer Rechenzentren in der DACH-Region. Von der Domain-Registrierung bis zu virtuellen Rechenzentren.
Warum entscheiden sich Kunden für Hosttech statt für einen Hyperscaler?
«Unsere Kunden wollen einen Ansprechpartner und sie wollen 100 Prozent Swissness.»
Es sei nicht die günstigste Option, aber eine, bei der die Kunden wüssten, wer ihre Infrastruktur betreibt.
Die europäische Identitätsschicht
Rublon, ein europäischer MFA-Anbieter, stellte eine Authentifizierungsplattform vor, die vollständig in Europa entwickelt und gehostet wird.
Die Daten werden in Europa verarbeitet. Die Integration in Windows erfolgt ohne Deaktivierung von Windows Hello. Ältere Anwendungen werden ohne Neuprogrammierung des Quellcodes unterstützt. FIDO2-Phishing-resistente Schlüssel.
Das Argument ist nicht ideologischer, sondern rechtlicher Natur. Befindet sich Ihre Identitätsschicht ausserhalb Ihres rechtlichen Einflussbereichs, sind alle darüber liegenden Ebenen gefährdet.
Prototyp versus Produktion
Am Stand von Red Hat beschrieb ein Developer-Experience-Spezialist eine Spannung, die jedem erfahrenen Ingenieur bekannt ist.
«Mit KI kann man Code superschnell schreiben. Aber wie debuggt man ihn? Mit KI? Viel Glück dabei.»
KI beschleunigt die Prototypenentwicklung. Bei der Produktion sieht es anders aus. Leistung, Sicherheit, Skalierbarkeit, Betriebsstabilität: Hier wird es schwierig.
Open-Source-Plattformen, die für die Produktion gehärtet sind und keine strukturelle Bindung mit sich bringen, bleiben für Branchen, in denen Ausfälle keine Option sind, unverzichtbar.
Sicherheit, die bei der Geschäftslogik ansetzt
Das Schweizer Cybersicherheitsunternehmen CLUE verfolgt einen anderen Ansatz in Sachen Sicherheit. Zunächst versucht es zu verstehen, wie das Unternehmen tatsächlich funktioniert.
«Wir versuchen, die Geschäftslogik wirklich zu verstehen», erklärte der Spezialist des Unternehmens. «Anstatt die skalierbarste Firewall zu verkaufen, die das Unternehmen gar nicht handhaben kann.»
Für KMU ist dies keine Theorie. Es ist der Unterschied zwischen Compliance und operativer Sicherheit.
Der Beschaffungsentscheid
Die Kathedrale und der Basar erzählten dieselbe Geschichte aus unterschiedlichen Blickwinkeln.
Auf der Bühne argumentierte Caffarra, dass es europäische und schweizerische Alternativen gebe, diese jedoch nicht nachgefragt würden.
Im Saal befanden sich diese Alternativen zehn Meter entfernt.
Souveränität wird nicht durch Konferenzreden gesichert. Sie wird durch Verträge gestaltet.
Die Entscheidung liegt nicht allein bei den Regulierungsbehörden. Sie liegt bei jedem Unternehmen, das einen Cloud-Vertrag unterzeichnet, einen Identitätsanbieter auswählt, einen Hosting-Vertrag verlängert oder einen Sicherheitspartner auswählt.
Für Führungskräfte auf C-Level sind die Fragen konkret:
- Unter welcher Gerichtsbarkeit befinden sich Ihre Kernsysteme rechtlich?
- Wie stark sind Sie von einer kleinen Anzahl von Anbietern abhängig?
- Gibt es glaubwürdige Alternativen für Teile Ihres Stacks?
- Sind Sie bereit, diese mit tatsächlicher Nachfrage zu unterstützen?
Für Ingenieure ist die Botschaft ebenso klar: Produktion ist wichtig. Robuste Systeme sind wichtig. Ausstiegsmöglichkeiten sind wichtig.
Wie Caffarra es ausdrückte:
«Niemand wird die Welt für Sie erschaffen. Entweder Sie haben ein Produkt, das die Leute kaufen wollen, oder Sie haben es nicht.»
Die Erbauer waren im Raum.
Impressum
Autor: Janusz Nowakowski
Bildquelle: Bernexpo
Redaktionelle Bearbeitung: Technische Rundschau
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