Patrick Chen, taiwanesischer Verbandspräsident und CEO einer Werkzeugmaschinenfirma, liess taiwanische Manager den Schweizer Maschinenbau bewerten. Die härtesten Zahlen schmeicheln nicht sehr.
Redaktionelle Bearbeitung: Eugen Albisser
Vor einigen Monaten gab Christoph Blättler das Thema vor, bei Swissmem Ressortleiter für den Industriesektor Werkzeugmaschinen und federführender Organisator des Symposiums: What really matters. Patrick Chen antwortete, das Einzige, was zähle, seien Liebe und Glück. Damit hatte er in einem Saal voller Technologie-Enthusiasten die Lacher auf seiner Seite.
Chen ist ein untypischer Verbandspräsident. Mit rund neun Jahren ging er in die USA und arbeitete von 1998 bis 2003 in New York als Wirtschaftsprüfer bei PricewaterhouseCoopers. In die Familienfirma wollte er nie zurück. Dann rief die Familie. «Nicht meine Wahl, nicht meine Wahl», sagt er über die Rückkehr. Heute führt er YCM, einen Werkzeugmaschinenbauer im 72. Jahr, in dritter Generation, und präsidiert den Verband TMBA. Nach Zürich kam er mit einem Angebot.
Wo Chinas Tempo herkommt
Die Grössenverhältnisse legte Chen zu Beginn auf den Tisch. 2024 produzierte China Werkzeugmaschinen im Wert von 27,3 Milliarden Dollar, Deutschland 10,9, Japan 7,9, die USA 7,1, Taiwan 2,9 und die Schweiz 2,7. Beim Verbrauch öffnet sich die Schere weiter: China 24,6 Milliarden, die Schweiz 1,1.
Dahinter steht ein System aus sechs Stufen. Fünfjahrespläne setzen die Richtung, die Fertigungsbasis liefert Maschinen, Komponenten, Werkstoffe und Industriesoftware, die Produktion wird auf Präzision, Automation und KI getrimmt, die Heimmärkte für Elektroautos, Robotik, Luftfahrt und Halbleiter liefern die Anwendung, aus dem Betrieb fliesst die Rückmeldung zurück, und am Ende wird skaliert. Diese Rückmeldung hält Chen für die entscheidende Stufe, weil ein riesiger Heimmarkt die eigene Technologie trainiert und gleich auch skaliert.
Die Pläne bleiben dabei nicht bei Absichten, sie nennen Zielwerte für Produktionswert und Marktanteil. «Sie führen diese Spitzentechnologien wie ein Geschäft», sagt Chen. Davon müsse der Westen lernen, von der Politik über die Unternehmen bis zu den Facharbeitern. Ablesen lässt sich das an einer Zahl: Chinas Importabhängigkeit fiel von 35 Prozent im Jahr 2012 auf 22,3 Prozent im Jahr 2024.
Der Wechselkurs erklärt weniger, als alle denken
Chen zeigte zudem, wie sich die Importanteile in vier grossen Verbrauchsmärkten zwischen 2016 und 2025 verschoben haben. In Indien legte China um 11,5 Prozentpunkte zu, Taiwan und die Schweiz gaben nach. Gewonnen hat neben China vor allem Korea, mit Konsolidierung zu grossen Anbietern, abwertender Währung und staatlichen Exportsubventionen.
Dann kam eine Zahl, deren Folie sein Team herausgenommen hatte. Der Yen wurde in den letzten Jahren stark abgewertet, und trotzdem gewann Japan in jeder Region ausserhalb dieser vier Märkte weniger als einen Prozentpunkt Importanteil. Für ein Exportland trägt der Wechselkurs also nur ein Stück weit.
Taiwan hat den Schock zehn Jahre früher erlebt
Und was ist mit Taiwan? Taiwans Stärke lag jahrzehntelang im Cluster um Taichung, wo in einem Gebiet von rund 60 Kilometern Umfang 95 Prozent der Werkzeugmaschinenbauer samt Komponentenherstellern sitzen. Kurze Wege, kurze Reaktionszeiten, viel Spielraum für Kundenanpassungen, dazu ein Versprechen mit eigenem Namen: cost performance, tiefe Kosten bei hoher Leistung.
Diesen Platz hat aber inzwischen China übernommen und baut noch günstiger. Von hundert Maschinen, die vor zehn Jahren aus Taiwan kamen, sind heute 33 übrig. Der Produktionswert liegt aber noch bei der Hälfte, jede einzelne Maschine bringt also rund die Hälfte mehr ein als damals.
Wie es so weit kam, sagt Chen mit einer Offenheit, die man von einem Verbandspräsidenten selten hört.
«Wir haben China mehr oder weniger beigebracht, es genauso zu machen.»
Patrick Chen, Präsident, TMBA
Lieferkette, Reaktionszeit, Qualität, zuverlässige Teile in kurzer Frist. China hat das übernommen und mit der Richtung aus den Fünfjahresplänen weitergetrieben. Zum kopierten Vorsprung kommt ein Mangel im eigenen Land. Taiwan hat keine grosse Industrie, die selber Werkzeugmaschinen verbraucht. Das Bruttoinlandprodukt wachse per Juli 2026 um rund 12 Prozent, sagt Chen, «alles ist Halbleiter und ICT, sonst nichts».
Was 2'000 Stunden über den Abstand sagen
Eine Zahl erwartet man in einem Verbandsreferat am wenigsten, und Chen nannte sie selber. Die mittlere Laufzeit zwischen zwei Ausfällen, im Fachjargon MTBF, liegt bei taiwanischen Maschinen im Schnitt bei rund 2'000 Stunden. Bei japanischen und europäischen sind es 6'000 bis 7'000. China lag früher bei etwa 1'000 Stunden und steigt stetig. Damit ist der Abstand zu Europa beziffert, und damit auch der Grund, warum Chen in Zürich nicht als Konkurrent auftrat.
Vier Begriffe hat er aus den taiwanischen Lehrjahren mitgebracht: Ökosystem, Fokus, Zuverlässigkeit, Verbindung. Beim Ökosystem geht es darum, dass den Kunden wenig interessiert, wie viele Firmen an einer Anlage beteiligt sind. Auf einer Folie stand daher der Satz eines Kunden: «Ich will keine Lieferanten, ich will Ergebnisse.» Beim Fokus geht es um die Nische und bei der Zuverlässigkeit um den Service nach der Installation.
Die Verbindung führt Chen am eigenen Haus vor. Ein Kunde bringt ein Bauteil oder eine Zeichnung, und innert 30 Minuten soll ein digitaler Zwilling vorliegen, mit Werkzeugen, Taktzeitstudie und Oberflächengüte, für eine Einzelmaschine, eine automatisierte Zelle oder eine schlüsselfertige Anlage. Daran arbeite YCM gerade, möglich werde es durch KI in CAD, CAM und PLM.
Was 42 Taiwaner über die Schweizer denken
Vor Zürich liess Chen 42 Führungskräfte der taiwanischen Werkzeugmaschinenindustrie befragen. Ausgesprochen hat er den freundlichen Teil des Ergebnisses, der Rest stand auf den Folien. «Ich habe die Umfrage nicht gesteuert», schob er voraus.
Als Vorteil der Schweizer nennen die Befragten Markenstabilität und Zuverlässigkeit sowie Technologie und Prozesskompetenz, die beiden Spitzenwerte liegen bei 92,9 und 83,3 Prozent. Bei den Schwierigkeiten steht der lokale Service samt After-Sales mit 71,4 Prozent zuoberst, dahinter Lieferzeit und Inbetriebnahme mit 59,5 Prozent. Die Technik selber nennen 7,1 Prozent als Problem. Die Maschine überzeugt also, die Begleitung um sie herum weniger.
Die Umfrage fragte auch nach der Attraktivität, und dort fällt das Urteil härter aus. Gegenüber 2021 finden 60 Prozent der Befragten Schweizer Werkzeugmaschinen weniger attraktiv, 15 Prozent attraktiver. Chen kommentierte das mit dem Wort, das er dreimal hintereinander sagte: «Kosten, Kosten, Kosten.» Und schob die Übersetzung nach, die er für richtig hält: Welchen Wert liefern wir dem Kunden?
Der Vorschlag heisst Trimill
Aus dem Publikum kam die Frage, womit die Schweiz aufhören sollte, um es stattdessen gemeinsam mit Taiwan zu tun. Chen drehte sie um.
«Ich glaube nicht, dass jemand aufhören muss.»
Patrick Chen, Präsident, TMBA
Sein Beispiel steht seit zwei bis drei Jahren in der YCM-Gruppe. Trimill baut grosse Portalmaschinen und war vor allem in Europa präsent, die Reichweite in die USA und nach Asien blieb begrenzt. YCM half beim Verkauf. Die Technik liegt zuoberst im Markt, und Kunden reagieren entsprechend: «Oh, so teuer.» Nun läuft ein Projekt, das Trimills Technologie mit YCMs Fertigung und Lieferkette zusammenbringt, für ein neues Produkt in einem bestimmten Segment. Eine zweite Tür sieht Chen in Taiwans Halbleiterfertigung. Die Kontakte dorthin bot er gleich an.
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Textquelle: Vortrag 24. Swissmem Symposium
Text: Eugen Albisser
Bildquelle: Swissmem
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