Patrick Chen, taiwanesischer Verbandspräsident und CEO einer Werkzeugmaschinenfirma, liess taiwanische Manager den Schweizer Maschinenbau bewerten. Die härtesten Zahlen schmeicheln nicht sehr.


Textquelle: Vortrag am Swissmem Symposium (aus dem Englischen übersetzt)
Redaktionelle Bearbeitung: Eugen Albisser

Dieser Beitrag beruht auf einem Referat am 24. Swissmem Symposium vom 27. August 2026 im Lake Side Zürich. Alle Artikel und Reden der Strecke: technische-rundschau.ch/swissmem-symposium-2026

What really matters: Dieses Thema gab Christoph Blättler vor einigen Monaten vor, bei Swissmem Ressortleiter für den Industriesektor Werkzeugmaschinen und federführender Organisator des Symposiums. Patrick Chen antwortete, das Einzige, was zähle, seien Liebe und Glück. Damit hatte er die Lacher auf seiner Seite.

Chen ist ein untypischer Verbandspräsident. Mit rund neun Jahren ging er in die USA und arbeitete von 1998 bis 2003 in New York als Wirtschaftsprüfer bei PricewaterhouseCoopers. In die Familienfirma wollte er nie zurück. Dann rief die Familie. «Nicht meine Wahl, nicht meine Wahl», sagt er über die Rückkehr. Heute führt er YCM, einen Werkzeugmaschinenbauer im 72. Jahr, in dritter Generation, und präsidiert den Verband TMBA. Nach Zürich kam er mit einem Angebot.

Wo Chinas Tempo herkommt

Die Grössenverhältnisse legte Chen zu Beginn auf den Tisch. 2024 produzierte China Werkzeugmaschinen im Wert von 27,3 Milliarden Dollar, Deutschland 10,9, Japan 7,9, die USA 7,1, Taiwan 2,9 und die Schweiz 2,7. Beim Verbrauch öffnet sich die Schere weiter: China 24,6 Milliarden, die Schweiz 1,1.

Dahinter steht ein Kreislauf. Fünfjahrespläne setzen die Richtung, die Fertigungsbasis liefert Maschinen, Komponenten, Werkstoffe und Industriesoftware, die Produktion wird auf Präzision, Automation und KI getrimmt. Die Heimmärkte für Elektroautos, Robotik, Luftfahrt und Halbleiter liefern die Anwendung, und aus dem Betrieb fliesst die Rückmeldung zurück. Diese Rückmeldung hält Chen für die entscheidende Stufe, weil ein riesiger Heimmarkt die eigene Technologie zugleich trainiert und skaliert.

Die Pläne bleiben dabei nicht bei Absichten, sie nennen Zielwerte für Produktionswert und Marktanteil. «Sie führen diese Spitzentechnologien wie ein Geschäft», sagt Chen. Davon müsse der Westen lernen, von der Politik über die Unternehmen bis zu den Facharbeitern. Was das System leistet, lässt sich an einer Zahl ablesen: Chinas Importabhängigkeit fiel von 35 Prozent im Jahr 2012 auf 22,3 Prozent im Jahr 2024.

Der starke Franken erklärt weniger als gedacht

Chen zeigte zudem, wie sich die Importanteile in vier grossen Verbrauchsmärkten zwischen 2016 und 2025 verschoben haben. In Indien legte China um 11,5 Prozentpunkte zu, Taiwan und die Schweiz gaben nach. Gewonnen hat neben China vor allem Korea, mit Konsolidierung zu grossen Anbietern, abwertender Währung und staatlichen Exportsubventionen.

Dazu ein Fakt: Auch der Yen wurde in den letzten Jahren stark abgewertet, und trotzdem gewann Japan ausserhalb dieser vier Märkte in keiner Region mehr als einen Prozentpunkt Importanteil. Eine schwache Währung allein verschafft einem Exportland also kaum Marktanteil. Umgekehrt gelesen heisst das für die Schweiz: Der starke Franken erklärt die verlorenen Anteile nur zum Teil.

Taiwan hat den Schock zehn Jahre früher erlebt

Jahrzehntelang genügte Taiwan ein Gebiet von rund 60 Kilometern Umfang. Im Cluster um Taichung sitzen 95 Prozent der Werkzeugmaschinenbauer samt Komponentenherstellern. Kurze Wege, kurze Reaktionszeiten, viel Spielraum für Kundenanpassungen, dazu ein Versprechen mit eigenem Namen: cost performance, tiefe Kosten bei hoher Leistung.

Diese Position hat inzwischen China übernommen und unterbietet Taiwan im Preis. Von hundert Maschinen, die vor zehn Jahren aus Taiwan kamen, sind heute 33 übrig. Der Produktionswert liegt aber noch bei fünfzig Prozent. Pro Maschine bringt Taiwan heute also rund die Hälfte mehr ein als vor zehn Jahren.

Wie es so weit kam, sagt Chen mit grosser Offenheit.

«Wir haben China mehr oder weniger beigebracht, es genauso zu machen.»

Patrick Chen, Präsident, TMBA

Beigebracht hat Taiwan die Lieferkette, die Reaktionszeit, die Qualität und zuverlässige Teile in kurzer Frist. China hat das übernommen und mit der Richtung aus den Fünfjahresplänen weitergetrieben.

Dazu kommt eine Lücke im eigenen Land. Taiwan hat keine grosse Industrie, die selber Werkzeugmaschinen verbraucht. Die Wirtschaft wachse zwar kräftig, das Bruttoinlandprodukt per Juli 2026 um rund 12 Prozent, sagt Chen. Der Zuwachs entstehe aber fast nur in einer Branche, «alles ist Halbleiter und ICT, sonst nichts».

Was 2'000 Stunden über den Abstand sagen

Eine Zahl nennt ein Verbandspräsident normalerweise nicht, hier aber kommt sie: Die mittlere Laufzeit zwischen zwei Ausfällen, im Fachjargon MTBF, liegt bei taiwanischen Maschinen im Schnitt bei rund 2'000 Stunden. Bei japanischen und europäischen sind es 6'000 bis 7'000. China lag früher bei etwa 1'000 Stunden und steigt stetig. Damit ist der Abstand zu Europa beziffert, und damit auch der Grund, warum Chen in Zürich nicht als Konkurrent auftrat.

Vier Begriffe hat er aus den taiwanischen Lehrjahren mitgebracht: Ökosystem, Fokus, Zuverlässigkeit, Verbindung. Beim Ökosystem geht es darum, dass den Kunden wenig interessiert, wie viele Firmen an einer Anlage beteiligt sind. Auf einer Folie stand daher der Satz eines Kunden: «Ich will keine Lieferanten, ich will Ergebnisse.» Fokus meint die Nische. Zuverlässigkeit meint bei Chen ausdrücklich den Service nach der Installation.

Die Verbindung führt Chen am eigenen Haus vor. Ein Kunde bringt ein Bauteil oder eine Zeichnung, und innert 30 Minuten soll ein digitaler Zwilling vorliegen, mit Werkzeugen, Taktzeitstudie und Oberflächengüte, für eine Einzelmaschine, eine automatisierte Zelle oder eine schlüsselfertige Anlage. Daran arbeite YCM gerade, möglich werde es durch KI in CAD, CAM und PLM.

Was 42 Taiwaner über die Schweizer denken

Vor Zürich liess Chen 42 Führungskräfte der taiwanischen Werkzeugmaschinenindustrie befragen. Als Vorteil der Schweizer nennen die Befragten Markenstabilität und Zuverlässigkeit mit 92,9 Prozent, dahinter Technologie und Prozesskompetenz mit 83,3 Prozent. Bei den Schwierigkeiten steht der lokale Service samt After-Sales mit 71,4 Prozent zuoberst, also ausgerechnet das, was Chen als Lehre aus Taiwan mitgebracht hat. Dahinter folgen Lieferzeit und Inbetriebnahme mit 59,5 Prozent. Die Technik selber nennen drei der 42 Befragten als Problem. Die Maschine überzeugt also, die Begleitung um sie herum weniger.

Die Umfrage fragte auch nach der Attraktivität, und dort fällt das Urteil härter aus. Gegenüber 2021 finden 60 Prozent der Befragten Schweizer Werkzeugmaschinen weniger attraktiv, 15 Prozent attraktiver. Chen führt das auf ein Wort zurück, das er dreimal hintereinander sagte: «Kosten, Kosten, Kosten.» Für ihn lassen sich Kosten aber in eine andere Frage umrechnen: Welchen Wert bekommt der Kunde für dieses Geld?

Die Umfrage in Zahlen

  • Wettbewerbsvorteile der Schweizer: Markenstabilität und Zuverlässigkeit 92,9 Prozent, Technologie und Prozesskompetenz 83,3 Prozent, Produktivität und Automation 42,9 Prozent
  • Schwierigkeiten: lokaler Service und After-Sales 71,4 Prozent, Lieferzeit und Inbetriebnahme 59,5 Prozent, Rendite 42,9 Prozent, Flexibilität und Integration 28,6 Prozent, Geschäftsbedingungen wie Wechselkurse und Zölle 26,2 Prozent, Technologie 7,1 Prozent
  • Attraktivität gegenüber 2021: deutlich weniger attraktiv 21 Prozent, etwas weniger 39 Prozent, unverändert 24 Prozent, etwas attraktiver 6 Prozent, deutlich attraktiver 9 Prozent
  • Wo gemeinsames Geschäft entstehen kann: Technologien zu Komplettlösungen zusammenführen 64 Prozent, Vertrieb und lokalen Service in Asien gemeinsam aufbauen 52 Prozent, hochwertige Anwendungen gemeinsam entwickeln 50 Prozent, stabile Lieferkette aufbauen 50 Prozent
  • Quelle: TMBA Member Survey 2026, 42 Führungskräfte der taiwanischen Werkzeugmaschinenindustrie

Der Vorschlag heisst Trimill

Aus dem Publikum kam eine Frage, die eine Arbeitsteilung unterstellte. Die Schweiz sei stark bei Technologie und Zuverlässigkeit, Taiwan bringe Tempo, Flexibilität und ein dichtes Ökosystem. Was also solle die Schweiz aufhören selber zu tun und stattdessen gemeinsam mit Taiwan angehen? Chen liess die Frage so nicht stehen.

«Ich glaube nicht, dass jemand aufhören muss.»

Patrick Chen, Präsident, TMBA

Sein Beispiel steht in der eigenen Gruppe. Trimill, vor wenigen Jahren zugekauft, baut grosse Portalmaschinen und verkaufte sie vor allem in Europa, YCM brachte die eigenen Vertriebskanäle in den USA und in Asien ein. Die Technik liegt zuoberst im Markt, und Kunden reagieren entsprechend: «Oh, so teuer.» Nun läuft ein Projekt, das Trimills Technologie mit YCMs Fertigung und Lieferkette zusammenbringt. Daraus soll ein neues Produkt für ein bestimmtes Marktsegment entstehen, mit dem beide gemeinsam antreten.

Nach ähnlichem Muster liesse sich auch mit Schweizer Firmen arbeiten, sagte Chen. Und hier folgte das grosse Angebot: Wer immer Interesse habe, solle auf ihn zukommen.

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