16,7 Milliarden Dollar. So viel steckt in installierten Industrierobotern weltweit. Ein Rekord. Und die Branche will mehr.
Redaktionelle Bearbeitung: Technische Rundschau
Die International Federation of Robotics (IFR), Sprachrohr der weltweiten Robotikindustrie, hat ihre fünf wichtigsten Trends für 2026 veröffentlicht. Der Branchenverband vertritt Hersteller aus mehr als zwanzig Ländern und gibt traditionell den Ton an, wenn es um die Zukunft der Automatisierung geht. Dieses Jahr verspricht die Liste: mehr Intelligenz, mehr Autonomie, mehr Nutzen. Die Frage ist, wie viel davon Substanz hat und wie viel Wunschdenken.
Dabei ist eines unbestritten: Die Branche wächst. Der Marktwert aller weltweit installierten Industrieroboter hat mit 16,7 Milliarden US-Dollar einen neuen Höchststand erreicht. Das ist mehr als das Bruttoinlandsprodukt Islands. Doch Marktwert allein sagt wenig über tatsächliche Leistungsfähigkeit. Die spannendere Frage lautet: Was können diese Maschinen wirklich, und was bleibt Marketingversprechen?
1. Der Traum von der denkenden Maschine
Der erste und wohl ambitionierteste Trend betrifft die künstliche Intelligenz. Roboter sollen mithilfe von KI künftig selbständiger arbeiten, so die IFR. Die Branche unterscheidet dabei zwischen analytischer KI, die grosse Datensätze verarbeitet und Muster erkennt, und generativer KI, die eigenständig neue Lösungswege entwickelt. Analytische KI hilft Robotern beispielsweise dabei, in intelligenten Fabriken mögliche Ausfälle vorherzusagen oder in der Intralogistik Touren zu planen. Generative KI hingegen soll einen fundamentalen Wandel ermöglichen: weg von regelbasierter Automatisierung, hin zu Systemen, die sich selbst weiterentwickeln.
Besonders viel verspricht sich die Branche von sogenannter «Agentic AI». Diese Technologie kombiniert analytische und generative KI zu einem hybriden Ansatz. Das Ziel: Roboter, die selbstständig in komplexen Umgebungen der realen Welt arbeiten können. Doch genau hier liegt das Problem. Wer einmal versucht hat, einen Chatbot dazu zu bringen, eine simple Restaurantreservierung zu machen, weiss, wie weit Theorie und Praxis bei autonomen Systemen auseinanderliegen. Die IFR spricht von einem «Trend zur Weiterentwicklung». Das klingt nach Arbeit, die noch vor allen liegt.
2. Die Brücke zwischen zwei Welten
Der zweite Trend klingt technisch, hat aber praktische Konsequenzen: die Konvergenz von Informationstechnologie (IT) und operativer Technologie (OT). Bisher lebten beide Welten getrennt. Die IT verarbeitete Daten in Büros und Rechenzentren, die OT steuerte Maschinen in der Fabrikhalle. Wenn diese Welten zusammenwachsen, so die IFR, entstehen vielseitigere Roboter. Sie können in Echtzeit Daten austauschen, sich automatisch an veränderte Bedingungen anpassen und fortschrittliche Analysen durchführen.
Für Schweizer KMU bedeutet das allerdings auch: mehr Komplexität. Wer IT und OT verzahnt, braucht Fachleute, die beide Sprachen sprechen. Die sind rar. Ausserdem entstehen neue Angriffsflächen für Cyberattacken, ein Punkt, den die IFR selbst unter ihrem vierten Trend thematisiert. Die Konvergenz ist ein zweischneidiges Schwert: Sie macht Roboter leistungsfähiger, aber auch verwundbarer.
3. Die Humanoiden kommen
Humanoide Roboter, also Maschinen in Menschengestalt, galten lange als Spielerei für Forschungslabore und Technikmessen. Das ändert sich. Laut IFR arbeiten Unternehmen und Forschungseinrichtungen inzwischen über Prototypen hinaus am Einsatz humanoider Roboter in der realen Welt. Vorreiter ist die Automobilindustrie, aber auch Anwendungen in Lagerhaltung und Fertigung rücken in den Fokus.
Die Hürden sind allerdings beträchtlich. Die IFR benennt sie selbst: Zuverlässigkeit, Energieverbrauch, Wartungskosten, Zykluszeiten. Humanoide Roboter müssen sich an den harten Massstäben der traditionellen Automatisierung messen lassen. Und sie müssen eine dem Menschen vergleichbare Geschicklichkeit erreichen, wenn sie tatsächlich beim Fachkräftemangel helfen sollen. Ob das 2026 gelingt, bleibt abzuwarten. Die Ankündigung klingt eher nach einem Mehrjahresprojekt.
4. Die dunkle Seite der Vernetzung
Je autonomer Roboter werden, desto komplexer werden die Sicherheitsfragen. Die IFR widmet diesem Thema einen eigenen Trend, was für einen Branchenverband bemerkenswert ehrlich ist. Zwei Dimensionen stehen im Zentrum: physische Sicherheit (Safety) und Cybersicherheit (Security). Bei der physischen Sicherheit verändern KI-gesteuerte Systeme die Spielregeln grundlegend. Tests, Validierungen und menschliche Aufsicht werden komplexer, weil das Verhalten autonomer Roboter schwerer vorhersagbar ist als das klassischer Automaten.
Die Cybersicherheit bereitet der Branche offenbar Kopfzerbrechen. Experten verzeichnen eine Zunahme von Hacking-Versuchen, die auf Robotersteuerungen und Cloud-Plattformen abzielen. Deep-Learning-Modelle, oft als «Black Boxes» bezeichnet, können Ergebnisse liefern, die selbst ihre Entwickler nicht nachvollziehen können. Wer haftet, wenn ein autonomer Roboter einen Fehler macht? Die IFR spricht von «rechtlichen und ethischen Unklarheiten» und «Forderungen nach klaren Rahmenbedingungen». Das klingt nach offenen Baustellen.
5. Der Verbündete gegen leere Werkbänke
Der fünfte Trend dürfte für Schweizer Industriebetriebe der greifbarste sein: Roboter als Antwort auf den Fachkräftemangel. Unbesetzte Stellen zwingen die bestehende Belegschaft zu Überstunden, was branchenübergreifend zu Stress und Ermüdung führt. Die IFR sieht Robotik und Automation als «wichtige Strategie», um dem entgegenzuwirken. Roboter können Routineaufgaben übernehmen, den Arbeitsplatz für junge Menschen attraktiver machen und neue Karrieremöglichkeiten eröffnen.
Entscheidend ist dabei die Akzeptanz der Belegschaft. Die IFR empfiehlt, Mitarbeitende möglichst früh in den Transformationsprozess einzubeziehen. Wer seine Angestellten vor vollendete Tatsachen stellt, riskiert Widerstand. Wer sie beteiligt, gewinnt Verbündete. Das ist keine Raketenwissenschaft, aber es erfordert Zeit und Kommunikationsbereitschaft, beides knappe Ressourcen in vielen Betrieben.
Was bleibt
16,7 Milliarden Dollar sind eine beeindruckende Zahl. Doch Geld allein macht keine autonomen Roboter. Die fünf Trends der IFR zeigen eine Branche im Aufbruch, die gleichzeitig mit ihren eigenen Versprechen kämpft. KI-gesteuerte Autonomie, humanoide Helfer, vernetzte Systeme: All das klingt verlockend. Doch bei jedem Trend folgt auf die Verheissung ein «aber». Sicherheitsrisiken, Haftungsfragen, Fachkräfte, die fehlen, um die neuen Systeme zu betreuen.
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