Igus Schweiz will seinen Umsatz bis 2030 verdoppeln. Vier Hebel sollen die Egerkinger Tochter des Kölner Kunststoffspezialisten auf 25 Millionen Franken bringen, der ambitionierteste davon ist erst seit Anfang Jahr aktiv.
Autor: Eugen Albisser
2022 war für Igus Schweiz ein Rekordjahr. Während Wettbewerber mit Lieferengpässen kämpften, konnte das Unternehmen liefern, und der Vorsprung brachte einen spürbaren Umsatzschub. Seither ist der Umsatz leicht zurückgegangen, parallel zur Schweizer Industriekonjunktur. Im Jahr 2025 lag er etwas tiefer als im Vorjahr. Ein bis zwei Grosskunden hatten Projekte verzögert, weil die US-Zollthematik ihre eigenen Lieferketten durcheinanderbrachte.
«Wären die Zölle nicht gewesen, hätten wir das Ziel übertroffen», sagt Andreas Leppert, Vertriebsleiter Innendienst und Mitglied der Geschäftsleitung bei Igus Schweiz. Doch für die Zukunft zeigt alles wieder Richtung Wachstum: Nach dem ersten Quartal 2026 stünden fast alle Ampeln auf Grün, die aufgeschobenen Projekte hätten wieder Fahrt aufgenommen. Allerdings will Igus Schweiz nicht einfach nur wachsen, sondern will bis 2030 den Umsatz verdoppeln und den Umsatz auf 25 Millionen Franken ausbauen. Bei einem solchen Ziel reicht eine Markterholung allein nicht. Es braucht einen Strukturumbau.
Vier Hebel, ein Zeithorizont
Leppert zählt vier Achsen auf, entlang derer das Wachstum laufen soll.
Die erste ist eine Marketing-Offensive. Bisher kümmert sich eine Person um das Marketing, eine zweite wird eingestellt. Kampagnen, Telemarketing und gezielte Lead-Generierung sollen die Verzahnung zwischen Marketing und Vertrieb enger machen.
Die zweite Achse betrifft den Vertrieb selbst: zwei neue Aussendienstmitarbeiter, eine französischsprachige Kraft für die Westschweiz. Leppert erwähnt beiläufig, dass Wettbewerber die Westschweiz als Vertriebsgebiet aufgegeben hätten. Igus will genau dort investieren.
Der dritte Hebel ist eine lokale Beschaffungsstruktur: mechanische Bearbeitungen in der Schweiz, ein eigener Einkäufer, kürzere Lieferzeiten. Wer näher am Kunden fertigt, kann schneller reagieren und wettbewerbsfähiger kalkulieren. Was genau diese lokale Beschaffung umfasst und wer die Bearbeitungen ausführt, bleibt in der Pressekonferenz offen.
Automationszellen für 50’000 Franken
Der vierte Hebel ist zugleich der ambitionierteste. Seit Anfang 2026 hat Igus Schweiz einen intern rekrutierten Robotik-Spezialisten im Markt. Er berät Kunden zu Produkten und zur Integration in bestehende Systeme. Das Ziel: erste grössere Projekte noch in diesem Jahr.
Im Zentrum steht die Online-Plattform RBTX, auf der Kunden sich Automationszellen konfigurieren können, mit Komponenten von Igus und über 260 weiteren Herstellern. Die Bandbreite reicht von Portalrobotern über Delta-Kinematiken bis zu Scara-Systemen. Igus tritt dabei als Komponentenlieferant und als Integrator auf, von der Beratung bis zur fertigen Zelle.
Vertriebsleiter Daniel Henlin, das zweite Geschäftsleitungsmitglied an der Pressekonferenz, wird bei diesem Thema konkret: Igus positioniere sich in einem Segment zwischen 50’000 und 150’000 Franken Investition. In dieser Spanne gebe es auf dem Schweizer Markt kaum Anbieter. Die grossen Integratoren bauen Linien für ein Vielfaches, die kleinen Zellen fallen durch das Raster.
Bisher hat Igus Schweiz nur wenige Automationsprojekte im Inland realisiert, meist mit Unterstützung aus Köln. Der Robotik-Spezialist soll lokale Kompetenz aufbauen. Ob die Lücke, die Henlin beschreibt, tatsächlich so gross ist wie dargestellt, wird sich zeigen.
Wachstum mit offenem Ausgang
Leppert und Henlin sehen Potenzial in der Medizintechnik, bei Infrastruktur-Umbauten wie Kläranlagen und Kehrichtverbrennungsanlagen, in der Elektronik und im Halbleiterbereich. Die klassische Werkzeugmaschinenbranche, einst das Stammgeschäft in der Schweiz, bleibt eine Hoffnung. «Aber ich habe immer gesagt: Wir sollten nicht auf Hoffnung arbeiten, sondern auf Fakten», sagt Henlin.
Die Diversifikation über offiziell 36 Branchen dämpft Einzelrisiken, verhindert aber auch Sprünge. Das macht die Verdoppelung bis 2030 zu einem Vorhaben, das auf vielen kleinen Fortschritten beruht. Ob die vier Hebel dafür reichen, wird sich an der Robotik entscheiden: Sie ist der einzige der vier Bereiche, der ein neues Geschäftsfeld eröffnet, statt ein bestehendes zu verbreitern.
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Weitere Informationen:
Igus global: Die Zahlen des Konzerns
Die Igus SE & Co. KG mit Hauptsitz in Köln erwirtschaftete 2025 einen Umsatz von 1,155 Milliarden Euro, ein Plus von 4,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Unternehmen beschäftigt weltweit 5’423 Mitarbeitende in 37 Ländern. Die drei grössten Absatzmärkte sind China, Deutschland und die USA mit zusammen rund 60 Prozent des Umsatzes.
2025 investierte Igus 124,4 Millionen Euro in Infrastruktur und Automatisierung, davon 42,2 Millionen ins Kölner Innovationszentrum. Zur Hannover Messe 2026 präsentiert das Unternehmen 227 Neuheiten. CEO Artur Peplinski nennt kürzere Lieferzeiten, lokale Produktion und Automatisierung für kleinere Betriebe als strategische Prioritäten.