Marcel Natterer führt bei Bühler den Bereich Advanced Materials und sagt einem Saal voller Maschinenbauer, die Qualität der Maschine sei nicht mehr das alleinige Kriterium. Was wichtiger werde, sei das Wissen um sie herum.
Redaktionelle Bearbeitung: Eugen Albisser
Dieser Beitrag beruht auf einem Referat am 24. Swissmem Symposium vom 27. August 2026 im Lake Side Zürich. Alle Artikel und Reden der Strecke: technische-rundschau.ch/swissmem-symposium-2026
Wenige Tage nach seinem Auftritt am 24. Swissmem Symposium in Zürich flog Marcel Natterer nach China. Dort eröffnet Bühler demnächst ein weiteres Applikationszentrum, diesmal für Batterien. Es ist nicht das erste: Sechsundzwanzig solcher Zentren betreibt die Bühler-Gruppe weltweit. Natterer, CEO Advanced Materials und Mitglied der Konzernleitung, hebt ihre Bedeutung im harten Wettbewerb hervor.
Warum das so ist, sagte er in Zürich: Die Qualität der Maschine sei absolut zentral und immer eine Grundbedingung. Im selben Satz schob er nach, sie sei «kein Alleinstellungsmerkmal mehr». Sie bleibt also zentral und taugt doch nicht mehr als Haupt-Argument. Was bei Bühler dazukommt, nennt er «das Wissen neben der Maschine, um die Maschine herum und im Lebenszyklus des Kunden». Denn tiefes Prozess- und Applikationswissen lasse sich schwerer nachbauen als eine Maschine.
Der Hauptsitz zog nach China
Die Strategie der Gruppe heisst seit Jahren «in China für China und in China für die Welt». Bühler ist seit 33 Jahren im Land, angefangen hat es mit einem Joint Venture in der Müllerei. Mehr als eine Verkaufs- und Serviceorganisation sollte daraus von Anfang an werden. Dazu gehören eigenes Produktmanagement, eigene Technologie und lokaler Service über den ganzen Lebenszyklus der Anlagen. Wie weit das geht, zeigte sich vor zehn Jahren. Damals zog der Hauptsitz für Futtermittel nach China, weil sich dort der Markt am schnellsten entwickelte.
Futtermittel gehören zum grösseren der beiden Standbeine. Lebens- und Futtermittel tragen rund 75 Prozent des Umsatzes, den Rest holt Advanced Materials, der Bereich, den Natterer führt. Bei Lebens- und Futtermitteln deckt die Gruppe die ganze Wertschöpfungskette ab. In Advanced Materials greift sie sich einzelne Technologieschritte heraus.
Innerhalb von Advanced Materials hängen 60 Prozent des Geschäfts am Automobil, was das Tief von 2025 unangenehm spürbar machte. Für 2026 zeigte sich Natterer zuversichtlich. Zu diesem Geschäft gehören die Grossmaschinen für den Druckguss ganzer Karosseriestrukturen. Sie entstanden am Hauptsitz in Uzwil und kamen anschliessend mit den lokalen Teams in den chinesischen Markt.
Der Vorsprung von 2009 hält nicht
2009 entwickelte Bühler in China einen kontinuierlichen Prozess für Batteriemischungen, aufgebaut auf einer Technologie aus der Lebensmittelverarbeitung. Er lief in China für China, wie es die Strategie vorsieht, und differenzierte die Gruppe am Markt. Heute unterbieten chinesische Wettbewerber genau diese Lösung. Wie schnell ein in China erarbeiteter Vorsprung verfällt, weiss auch Marcel Natterer. Dass Bühler die Lösung selber entwickelt habe, heisse noch lange nicht, «dass wir konkurrenzlos sind».
Positionierung sei das A und O, sagt Natterer. Von selbst hält sie nie. Er verweist für die Wettbewerbsintensität in China auf eine Pyramide. Unten liegt der Commodity-Bereich, den die Gruppe nur opportunistisch mitnimmt, «der ist für uns nicht erreichbar». Oben liegen die Nischen, teilweise die «Nische in der Nische», wo sich eine Technologie über längere Zeit differenzieren lässt. Grösse schützt dabei nicht. Wer gross sei, sagt Natterer, reite deswegen noch lange keine Welle ohne Konkurrenz, ganz im Gegenteil.
Eine Position zu halten, brauche einen täglichen Lernprozess zwischen Uzwil und China, dazu den Mut zu schnellen Entscheidungen. Diesen Mut liefert der Wettbewerb gleich mit. Die Chinesen pushten, sagt Natterer, «und das ist gut so».
Halbleiter als nächste Welle
Unterhalb von sieben Nanometern fehlt China bislang die Lithographie. Über Leybold Optics, den Optik- und Beschichtungsbereich der Gruppe mit Standort in Deutschland, sieht das Unternehmen grosse Chancen in einer Industrie, für die China einen Fünfjahresplan aufgelegt hat. Diese Lücke ist der Grund, warum Bühler hier früh dran ist.
Für den Einstieg denkt die Gruppe wieder über ein Joint Venture nach, wie vor 33 Jahren in der Müllerei, diesmal aber in einer Industrie, die gerade erst anläuft. Die Begründung ist bemerkenswert nüchtern: «man muss wie eine chinesische Firma denken», sagt Natterer.
Eine Grenze zieht er dabei deutlich: Die Patente bleiben, wo sie sind, in Deutschland für den Optikbereich und in der Schweiz für die übrigen. Bei jedem neuen Produkt werde vorher entschieden, was hinter einem Joint Venture zu gewinnen und was zu verlieren sei.
«Wir sind sehr zurückhaltend mit welchen Technologien, Know-how und Patenten wir in China platzieren.»
Marcel Natterer, CEO Advanced Materials, Bühler-Gruppe
Uzwil ging nur mit
Natterers Schlussbeispiel ist ein Zulieferer der ersten Ebene für die Automobilindustrie, der Strukturteile aus genau solchen Grossmaschinen liefert. Die Anwendung entwickelte der Kunde zusammen mit Bühlers chinesischer Organisation, und über sie lief auch die Umsetzung. Uzwil sei mitgegangen, «eher unterstützend».
Heute stehen bei diesem Kunden zehn Maschinen in einer riesigen Fabrik, dazu ein laufendes Applikationslabor. Dorthin bringt Bühler westliche Kunden, um Teile testen zu lassen. Bühlers chinesische Kunden gehen ihrerseits nach Westen, in der Automobilindustrie wie in anderen Branchen, und die Exporte steigen. Dass die Gruppe diesen Weg mitgehen kann, verdankt sie dem Wissen, das sie in China aufgebaut hat.
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Textquelle: Vortrag 24. Swissmem Symposium
Text: Eugen Albisser
Bildquelle: Swissmem
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