Schneeberger-CEO Stefan Hantke hat in Asien gelernt, wo Präzision aufhören darf. Sein Beispiel spart sechs Wochen und beginnt mit einer Bohrung ohne Norm.


Textquelle: Vortrag am Swissmem Symposium
Redaktionelle Bearbeitung: Eugen Albisser

Dieser Beitrag beruht auf einem Referat am 24. Swissmem Symposium vom 27. August 2026 im Lake Side Zürich. Alle Artikel und Reden der Strecke: technische-rundschau.ch/swissmem-symposium-2026

Als Stefan Hantke ans Rednerpult kam, brachte er schnell einmal zwei Wörter unter, die an einem Anlass über Schweizer Qualität niemand erwartet hatte: gut genug. Hantke führt die Schneeberger Holding AG in Roggwil seit 2018, davor arbeitete er 25 Jahre bei Schaeffler. Er verkauft Linearführungen an Werkzeugmaschinenbauer, also an Kundschaft, für die Mikrometer Umgangssprache sind.

Im Juni, im Gespräch mit der Technischen Rundschau in Roggwil, klang das noch anders. Wer hundert Autos verkaufe und bei zweien gehe nach drei Wochen das Radlager kaputt, habe einen schlechten Ruf, sagte er damals. 98 Prozent genügten ihm nicht. In Zürich erklärt derselbe Mann, warum eine Bohrung, die hakt und keiner Norm folgt, für einen Prototypen reicht. Beides stimmt, sobald man weiss, wovon er redet. Der Prototyp folgt anderen Regeln als die Serie.

Eine Bohrung ohne Norm

Das Beispiel führt mitten in die eigene Fertigung. Eine hochpräzise Führung aus durchgehärtetem Material braucht am Rand Halteplatten, damit der Käfig bei hochdynamischer Anwendung nicht auswandert. Der alte Weg: Der Kunde nennt eine Länge, die Schiene wird abgeschnitten, stirnseitig gebohrt, gehärtet, geschliffen, montiert. Sechs bis acht Wochen.

Auf dem neuen Weg wird eine bereits fertige Schiene abgeschnitten und stirnseitig ins harte Material gebohrt. Das Gewinde folgt dann keiner Norm, es hakt sogar ein wenig beim Eindrehen der Schraube. Für die Funktion der Führung hat das nach Hantkes Worten keine Auswirkung, und der Kunde werde die Schraube für die Halteplatte in seinem ganzen Leben nie aufschrauben. «Für einen Prototypen ist das gut genug», sagt Hantke, und die Einschränkung gehört zur Aussage: Für die Serie gilt sie nicht. Statt sechs bis acht Wochen dauert die Schiene damit 24 Stunden. Die eigenen Ingenieure hätten ihm erklärt, das Gewinde sei nicht so schön. Aber: «Wir gewinnen im Moment Aufträge mit solchen Dingen.»

Wer braucht es und wer bezahlt

Hinter dem Beispiel steht die Frage, ob alles, was möglich ist, auch gebraucht wird. Hantke hängt sie am Lichtschalter auf. In den USA, wo er selber gelebt hat, würden die Schalter seit jeher nicht angetastet, was funktioniert, bleibt. In Europa gebe es Systeme, mit denen sich das Licht aus 8'000 Kilometern Entfernung schalten lasse. «Das ist ja total klasse, super, aber braucht man das?» Am Ingenieurwissen liege es nicht.

«Wir sind echt gut. Die Frage ist: Wer braucht es? Die noch schlimmere Frage ist: Wer bezahlt?»

Stefan Hantke, Schneeberger Holding AG

Sechs Monate ohne Vertrag

Wo dieses Tempo herkommt, hat Hantke selber erlebt. Für die Wagenproduktion der Profilschienenführungen in China fragte Schneeberger einen Zulieferer an, ob er Interesse habe. Der baute die Bearbeitung samt Maschinen, Prototypen und Lieferungen in sechs Monaten auf. Einen Vertrag gab es dabei nicht. Es ging alles sogar so schnell, dass Hantke eingestehen musste: «Am Ende waren wir es, die hinterherhinkten mit unseren internen Freigaben.»

Ein weiteres einschneidendes Erlebnis war folgendes. Abends um acht standen sie in der Produktion in Shenzhen und stellten fest, man brauche eine Vorrichtung zum Justieren und Ausrichten. Die chinesischen Kollegen fingen an zu organisieren und siehe: Am nächsten Morgen um neun lag die Vorrichtung da.

Local for Local

Aus dieser Nähe zum Tempo zieht Hantke seine Strategie. Seit 2019 baut er die Produktion dorthin, wo die Kunden sitzen, und nennt das «Local for Local». Shenzhen bedient die Halbleiterindustrie, in Shanghai steht die Wagenproduktion für die Profilschienenführungen, dazu kommen Indien und das eben fertiggestellte Werk in Penang.

Die Schweiz bleibt aber nicht Zuschauerin. In Roggwil stecken 20 Millionen Franken in einer Fertigung für Systeme im Nanometerbereich, und die Halle ist bereits voll. Kernkompetenz und Kerntechnologie bleiben in der Schweiz und in Deutschland, entwickelt wird im Leitwerk und dann in die Märkte transferiert. Sein Satz dazu: Was Schneeberger fertige, sei nicht «made in Switzerland», es sei «made by Schneeberger». In China, Malaysia und Indien gelte dieselbe Qualität wie in Roggwil.

Wie ernst es der Familie mit der Verschiebung nach Asien ist, zeigt eine Personalie. Kourosh Schneeberger, vierte Generation und heute Leiter der Division Profilschienenführungen, tritt am 1. Januar eine dreijährige Station in China an, bevor er das Amt des CEO übernimmt. Wer in Hantkes Generation etwas werden wollte, ging nach Amerika. Wer heute für die Zukunft etwas lernen will, geht offenbar eher in die entgegengesetzte Richtung.

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Textquelle: Vortrag 24. Swissmem Symposium

Text: Eugen Albisser

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