Netstal-CEO Renzo Davatz hat in Zürich die eigene Verkaufsformel widerrufen. Sein Vortrag zeigt, was ein Schweizer Maschinenbauer tut, wenn Schnellsein allein nicht mehr trägt.
Redaktionelle Bearbeitung: Eugen Albisser
Kürzlich wurde ein Schweizer Professor mit Lehrstuhl in Shanghai in der NZZ gefragt, ob er nun Chinesisch lernen wolle. Er sei nach China gekommen, um zu lehren, antwortete der Professor. Renzo Davatz erzählte die Episode am 24. Swissmem Symposium in Zürich und stellte sich daneben: «Ich bin nach Zürich gekommen, um zu lernen und nicht, um zu lehren.» Dann versprach er eine Flasche Champagner. Wer ihm bei der Frage helfe, die er ganz am Schluss stellen werde, bekomme sie.
Davatz ist CEO der Netstal AG in Näfels, 1857 im Glarner Dorf Netstal gegründet, seit 1945 im Spritzgiessen, davor eine Giesserei, zeitweise auch Waschmaschinen. «Auch hier war das Thema Transformation», sagte er dazu. 550 Leute arbeiten weltweit für die Firma, etwa 400 davon in der Schweiz. Vier Nischen tragen das Geschäft: Preforms für PET-Flaschen, Verschlüsse, Dünnwandverpackung, Medizintechnik. Der Becher des Emmi Caffè Latte kommt laut Davatz von einer Netstal-Maschine.
Auf einen Blick
- Netstal AG in Näfels, gegründet 1857, seit 1945 im Spritzgiessen
- 550 Mitarbeitende weltweit, etwa 400 davon in der Schweiz
- 144 Preforms in sechs Sekunden
- 128 Flaschendeckel in 1,9 Sekunden, nächstbester Anbieter 2,05 Sekunden
- bis zu tausend Tonnen Schliesskraft, bis zu 60 Tonnen Maschinengewicht
- Fakuma-Exponat mit vollelektrischen Achsen: 72 Verschlüsse in 1,8 Sekunden
Die Eigentümer wechselten häufiger. Eine Zeit lang gehörte Netstal über die KraussMaffei Group zum chinesischen Chemiekonzern ChemChina, seit 2024 liegt die Firma bei der deutschen Krones-Gruppe, seit April 2026 führt sie zusätzlich die Formenbauer MHT und Wiro mit 170 Mitarbeitenden als Advanced Moulding Technology. Aus der chinesischen Zeit nimmt Davatz eine Beobachtung mit, die dem gängigen Bild widerspricht.
«Erstaunlicherweise hat China nie unser IP transferieren wollen nach China.»
Renzo Davatz, CEO, Netstal AG
Das magische Dreieck und sein Ablaufdatum
Was Netstal verkauft, hiess im Haus lange das magische Dreieck: Geschwindigkeit, Präzision, Langlebigkeit. Dahinter steht eine Frage, die Davatz jedem Kunden stellt und auf die er immer dieselbe Antwort bekommt: tiefste Stückkosten. 144 Preforms in sechs Sekunden. 128 Flaschendeckel in 1,9 Sekunden, wofür der nächstbeste Anbieter nach Davatz' Angaben 2,05 Sekunden braucht. Bis zu tausend Tonnen Schliesskraft, bis zu 60 Tonnen Maschinengewicht. «Das ist High-Tech, das ist wunderbar», sagte Davatz.
Dann lief ein Video von einer Kunststoffmesse in Orlando, in dem ein amerikanischer Kunde eine Anlage eröffnet, die Davatz die Weltrekordanwendung nennt. Davatz fasst zusammen: «Das ist Swiss Performance.» Dann die Frage an den Saal, ob das noch genüge, und gleich seine eigene Antwort: «Es wird nicht mehr genügen.»
Der Spritzgiessmarkt ist als Technologie reif, etwas schneller geht immer, aber differenzieren lässt sich damit kaum noch jemand. Und das Wissen ist global verfügbar. Dazu erzählte Davatz von einem jungen ETH-Ingenieur im eigenen Haus, der ihm gesagt habe: «Wir sind doch noch besser als die Chinesen.» Davatz hält den Stolz auf den Beruf und die Universitäten hoch. «Aber ich glaube, der junge Mann hat etwas nicht mitbekommen.»
Den Unterschied sieht er woanders, und er sagte es mit einem Beispiel, das ihn selber trifft. In China nehme er einen enormen Hunger wahr, eine Wissenslust, einen Druck.
Zwei Auswege, beide geprüft, beide verworfen
Die Kräfteverhältnisse legte Davatz in Zahlen vor, die er selber nicht belegte. Der grösste europäische Spritzgiessmaschinenhersteller baue in einem guten Jahr 5'000 Maschinen, der chinesische Marktführer das Zehnfache. Einen Namen nennt Davatz dabei nicht, gemeint ist offensichtlich Haitian, das er kurz zuvor als grössten Anbieter bezeichnet. Haitians neues Werk in Serbien steht und soll 2000 Maschinen in Europa produzieren, nach Davatz' Rechnung fast die Hälfte dessen, was der grösste europäische Hersteller weltweit baut. Vor diesem Hintergrund prüfte Netstal zwei Auswege.
Der erste geprüfte Ausweg hiess Verteidigung nach unten. Netstal nimmt Performance aus der Maschine, bleibt qualitativ gut und stabil, wird günstiger und adressiert einen grösseren Markt. Die Studien dazu sind gemacht, das Ergebnis ist eindeutig. «Wir werden Kostenführerschaft nicht erreichen», sagte Davatz, selbst mit Produktion in China und unter dem Dach von Krones. Standort, Stückzahl, Wertschöpfungstiefe und DNA sprechen dagegen. Dazu käme das Haifischbecken des Preiskampfs und das Risiko, zwischen Technologie- und Kostenführerschaft steckenzubleiben.
Der zweite Ausweg hiess Flucht nach oben. Die Verschlussanlage liesse sich von 1,9 auf vielleicht 1,85 Sekunden bringen, mit grösseren Servomotoren, grösseren Umrichtern, aggressiver eingestellter Regelungstechnik. Nur wird der adressierbare Markt dabei noch kleiner. Wenige Kunden kaufen so etwas, noch weniger können es betreiben, die Kosten steigen fast exponentiell zur Leistung, und die Robustheit des Prozessfensters nimmt ab. Netstal würde sich aus dem Markt herauskatapultieren.
Was seitlich heisst
Bleibt die Bewegung zur Seite. Systeme hat Netstal immer schon gebaut, Maschine plus Werkzeug, Roboter, Trockner, Kühler. Den Schritt zum integrierten System ist die Firma bisher schuldig geblieben, den zur selbstoptimierenden Produktionszelle erst recht. Davor steht sie jetzt.
Praktisch heisst das: Die Form meldet sich über einen RFID-Chip an, die Zelle spricht mit Trockner und Chiller, die Prozessdaten gehen an den Kunden und an die Servicetechniker. Für die globalen Service-Hubs, bisher mit erfahrenen Servicetechnikern besetzt, braucht es neu auch Prozess- und Anwendungstechnik. Denn Prozesswissen ist spezialisiert. Ein Techniker, der viel von Preforms versteht, versteht wenig von Medizinartikeln. Und ein Verschluss ist ein anderes Material als ein Preform.
Künstliche Intelligenz sieht Davatz dabei als Werkzeug für Prozessparameter und Muster. Den Ausschlag gibt für ihn weiterhin der Mensch mit seiner Erfahrung im Prozess.
Für das alte Dreieck heisst die Bewegung zur Seite das Ende. Es habe ausgedient, sagte Davatz, die drei Attribute schnell, dauerhaft und präzise werde Netstal «aus unserem Wortschatz entfernen». An ihre Stelle treten Einfachheit in der Bedienung, Autonomie und Robustheit im Prozessfenster. Das Ziel bleibt, wo es war, bei den tiefsten Stückkosten des Kunden.
Die Verkäufer redeten nur von 1,8 Sekunden
Wie weit der Weg dahin ist, führte Davatz an einer Szene aus einer Vorwoche vor. Netstal stellte den Verkäufern das Exponat auf einer Messe vor, ein neues Produkt mit vollelektrischen Achsen, 72 Verschlüsse in 1,8 Sekunden. «Die Verkäufer haben nur von den 1,8 Sekunden gesprochen», sagte Davatz. Nur vom alten Dreieck also.
Value Selling, also der Verkauf über den Nutzen beim Kunden, beherrscht das Haus auf der besten Maschine. Value Selling auf einer Zelle, die sich selber optimiert, noch nicht. Davatz nahm sich davon nicht aus: «Ich bin Netstaler mit Herzblut», und wie ein kleiner Junge, wenn er die Maschine schnell laufen sehe.
Die zweite Konsequenz hat auf einer Swissmem-Bühne Gewicht. Netstal wird nach China gehen und dort stärker beschaffen, bald soll dort auch eine gewisse Montage beginnen. Kostenführerschaft ist damit nicht gemeint. Es geht um den Verbleib im Markt und um wettbewerbsfähige Preise für die eigene Technologie.
Am Schluss kam die Champagnerfrage. Für einen einigermassen seriösen Tipp gebe es die Flasche. Ein Preform wiegt ein paar Gramm. Die Maschine, die ihn herstellt, wiegt 40 oder 50 Tonnen. «Geht das nicht einfacher?»
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Impressum
Textquelle: Vortrag 24. Swissmem Symposium
Text: Eugen Albisser
Bildquelle: Swissmem
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