Netstal-CEO Renzo Davatz hat in Zürich die eigene Verkaufsformel widerrufen. Sein Vortrag zeigt, was ein Schweizer Maschinenbauer tut, wenn Schnellsein allein nicht mehr trägt.
Redaktionelle Bearbeitung: Eugen Albisser
Dieser Beitrag beruht auf einem Referat am 24. Swissmem Symposium vom 27. August 2026 im Lake Side Zürich. Alle Artikel und Reden der Strecke: technische-rundschau.ch/swissmem-symposium-2026
Kürzlich wurde ein Schweizer Professor mit Lehrstuhl in Shanghai in der NZZ gefragt, ob er nun Chinesisch lernen wolle. Er sei nach China gekommen, um zu lehren, antwortete der Professor. Renzo Davatz erzählte die Episode am 24. Swissmem Symposium in Zürich und stellte sich daneben: «Ich bin nach Zürich gekommen, um zu lernen und nicht, um zu lehren.» Dann versprach er eine Flasche Champagner. Wer ihm bei der Frage helfe, die er ganz am Schluss stellen werde, bekomme sie.
Davatz ist CEO der Netstal AG in Näfels, 1857 im Glarner Dorf Netstal gegründet, seit 1945 im Spritzgiessen, davor eine Giesserei, zeitweise auch Waschmaschinen. «Auch hier war das Thema Transformation», sagte er dazu. 550 Leute arbeiten weltweit für die Firma, etwa 400 davon in der Schweiz. Vier Nischen tragen das Geschäft: Preforms für PET-Flaschen, Verschlüsse, Dünnwandverpackung, Medizintechnik. Der Becher des Emmi Caffè Latte kommt laut Davatz von einer Netstal-Maschine.
Die Eigentümer wechselten oft. Eine Zeit lang gehörte Netstal über die KraussMaffei Group zum chinesischen Chemiekonzern ChemChina, seit 2024 liegt die Firma bei der deutschen Krones-Gruppe, seit April 2026 führt sie zusätzlich die Formenbauer MHT und Wiro mit 170 Mitarbeitenden als Advanced Moulding Technology. Aus der chinesischen Zeit nimmt Davatz eine Beobachtung mit, die dem gängigen Bild widerspricht: «Erstaunlicherweise hat China nie unser IP transferieren wollen nach China.»
Das magische Dreieck und sein Ablaufdatum
Was Netstal verkauft, hiess im Haus lange das magische Dreieck: Geschwindigkeit, Präzision, Langlebigkeit. Davatz fragt jeden Kunden, worauf es ihm wirklich ankomme, und bekommt immer dieselbe Antwort: tiefste Stückkosten. 144 Preforms in sechs Sekunden. 128 Flaschendeckel in 1,9 Sekunden, wofür der nächstbeste Anbieter nach Davatz' Angaben 2,05 Sekunden braucht. Bis zu tausend Tonnen Schliesskraft, bis zu 60 Tonnen Maschinengewicht. «Das ist High-Tech, das ist wunderbar», sagte Davatz.
Dann lief ein Video von einer Kunststoffmesse in Orlando, in dem ein amerikanischer Kunde eine Anlage eröffnet, die Davatz die Weltrekordanwendung nennt. Davatz fasst zusammen: «Das ist Swiss Performance.» Dann die Frage an den Saal, ob das noch genüge, und gleich seine eigene Antwort: «Es wird nicht mehr genügen.» Doch was tun?
Zwei Auswege, beide geprüft, beide verworfen
Der erste geprüfte Ausweg hiess Verteidigung nach unten. Netstal nimmt Performance aus der Maschine, bleibt qualitativ gut und stabil, wird günstiger und adressiert einen grösseren Markt. Die Studien dazu sind gemacht, das Ergebnis ist eindeutig. «Wir werden Kostenführerschaft nicht erreichen», sagte Davatz, selbst mit Produktion in China und unter dem Dach von Krones. Standort, Stückzahl, Wertschöpfungstiefe und DNA sprechen dagegen. Dazu käme das Haifischbecken des Preiskampfs und das Risiko, zwischen Technologie- und Kostenführerschaft steckenzubleiben.
Der zweite Ausweg hiess Flucht nach oben. Die Verschlussanlage liesse sich von 1,9 auf vielleicht 1,85 Sekunden bringen, mit grösseren Servomotoren, grösseren Umrichtern, aggressiver eingestellter Regelungstechnik. «Kriegen wir hin. Findet der Schweizer Ingenieur wahnsinnig spannend.» Nur wird der adressierbare Markt dabei noch kleiner. Wenige Kunden kaufen so etwas, noch weniger können es betreiben, die Kosten steigen fast exponentiell, und die Robustheit des Prozessfensters nimmt ab. Netstal würde sich aus dem Markt herauskatapultieren.
Was seitlich heisst
Bleibt die Bewegung zur Seite. Wer nur die Maschine verkauft, konkurriert über den Maschinenpreis, und dort gewinnt China. Über die ganze Zelle gerechnet sieht die Stückkostenrechnung anders aus. Systeme hat Netstal immer schon gebaut, Maschine plus Werkzeug, Roboter, Trockner, Kühler. Den Schritt zum integrierten System ist die Firma bisher schuldig geblieben, den zur selbstoptimierenden Produktionszelle erst recht. Davor steht sie jetzt.
Praktisch heisst das: Das Werkzeug meldet sich über einen RFID-Chip an, die Zelle spricht mit Trockner und Kühler, die Prozessdaten gehen an den Kunden und an die Servicetechniker.
Für die globalen Service-Hubs, bisher mit erfahrenen Servicetechnikern besetzt, braucht es neu auch Prozess- und Anwendungstechnik. Denn Prozesswissen ist spezialisiert. Ein Techniker, der viel von Preforms versteht, versteht wenig von Medizinartikeln. Und ein Verschluss ist ein anderes Material als ein Preform.
Künstliche Intelligenz sieht Davatz dabei als Werkzeug für Prozessparameter und Muster. Den Ausschlag gibt für ihn weiterhin der Mensch mit seiner Erfahrung im Prozess.
Das alte Dreieck überlebt die Bewegung zur Seite nicht. Es habe ausgedient, sagte Davatz, die drei Attribute schnell, dauerhaft und präzise werde Netstal «aus unserem Wortschatz entfernen». An ihre Stelle treten Einfachheit in der Bedienung, Autonomie und Robustheit im Prozessfenster. Das Ziel bleibt, wo es war, bei den tiefsten Stückkosten des Kunden.
Die Verkäufer redeten nur von 1,8 Sekunden
Wie weit der Weg dahin ist, zeigte Davatz an einer Szene aus der Woche vor dem Symposium. Netstal stellte den Verkäufern das Exponat für die Fakuma vor, ein neues Produkt mit vollelektrischen Achsen, 72 Verschlüsse in 1,8 Sekunden. «Die Verkäufer haben nur von den 1,8 Sekunden gesprochen», sagte Davatz. Nur vom alten Dreieck also.
Value Selling nennt Davatz das, den Verkauf über den Nutzen beim Kunden. Bei der besten Maschine gelingt es dem Haus. Bei einer Zelle, die sich selber optimiert, noch nicht. Davatz nahm sich davon nicht aus. Wie ein kleiner Junge sei er, wenn er die Maschine schnell laufen sehe. «Das genügt alles nicht mehr.»
«Ich bin Netstaler mit Herzblut.»
Renzo Davatz, CEO, Netstal AG
Eine zweite Konsequenz wiegt auf einer Swissmem-Bühne schwer. Netstal wird nach China gehen und dort stärker beschaffen, bald soll dort auch eine Montage beginnen. Kostenführerschaft ist damit nicht gemeint. Es geht um den Verbleib im Markt und um wettbewerbsfähige Preise für die eigene Technologie.
Am Schluss kam die Champagnerfrage. Für einen einigermassen seriösen Tipp gebe es die Flasche. Ein Preform wiegt ein paar Gramm; die Maschine, die ihn herstellt, wiegt 40 oder 50 Tonnen. Die grosse Frage: «Geht DAS nicht einfacher?»
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Impressum
Textquelle: Vortrag 24. Swissmem Symposium
Text: Eugen Albisser
Bildquelle: Swissmem
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