Zehn Scale-ups, ein Versprechen: Die Schweiz will Weltkonzerne formen
Die nationale Initiative Project Switzerland hat zehn Jungunternehmen ausgewählt, die mit Hilfe von Unicorn-Gründern den Sprung zum Weltmarktführer schaffen sollen. Das klingt nach viel Ambition, doch die Zahlen der ersten Kohorte zeigen: Hier steckt mehr als ein Förderprogramm.
Textquelle: Deep Tech Nation Switzerland Foundation
Redaktionelle Bearbeitung: Eugen Albisser
133 Prozent durchschnittliches Jahreswachstum, 270 Millionen Franken eingesammeltes Kapital, 550 Mitarbeitende: Die zehn Unternehmen, die Project Switzerland in seine erste Kohorte aufgenommen hat, sind keine zarten Pflänzchen mehr. Sie haben Umsätze, Kunden und funktionierende Geschäftsmodelle. Was ihnen fehlt, ist das Wissen, wie man aus einem Schweizer Erfolg einen globalen macht.
Genau dieses Problem adressiert die Initiative der Deep Tech Nation Switzerland Foundation: Die Schweiz erfindet viel und skaliert wenig. In den globalen Innovationsrankings belegt das Land seit Jahren Spitzenplätze. Doch zwischen ETH-Spin-off und Weltkonzern klafft eine Lücke, die sich mit Fördergeldern allein nicht schliessen lässt. Joanne Sieber, CEO der Deep Tech Nation Switzerland, nennt es die «Wachstumslücke».
Unicorn-Gründer als Wegweiser
Project Switzerland will diese Lücke mit einem ungewöhnlichen Ansatz verkleinern: Statt auf Berater oder Investoren setzt das zwölfmonatige Programm auf den direkten Austausch mit Gründerinnen und Gründern, die den Weg vom Start-up zum Unicorn bereits hinter sich haben. Über zwanzig solcher Role Models stehen der Kohorte zur Verfügung, darunter die Gründer von Scandit, Nexthink und GetYourGuide. Cristian Grossmann, CEO und Mitgründer von Beekeeper, bringt es auf den Punkt: «In dieser Wachstumsphase brauchen GründerInnen keine abstrakten Playbooks, sondern UnternehmerInnen, denen sie vertrauen können.»
Die Auswahl war kompetitiv. Aus 160 Nominierungen und 60 Bewerbungen filterte ein mehrstufiges Verfahren die zehn Unternehmen heraus. Interviews mit erfahrenen Unternehmern und Ökosystem-Experten dienten als Prüfsteine. Michael Sauter von Deep Tech Nation Switzerland sieht bei allen zehn Unternehmen ein starkes Fundament, sowohl technologisch als auch in den Geschäftsmodellen.
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Von der Chipkühlung bis zur CO₂-Speicherung
Auffällig ist die thematische Breite der Kohorte. Corintis entwickelt mikrofluidische Kühlsysteme für Hochleistungschips, Neustark bindet CO₂ in recyceltem Abbruchbeton, und Qumea überwacht Sturzrisiken von Patienten berührungslos. Dazwischen finden sich Unternehmen aus der Cybersicherheit (Futurae), der industriellen Robotik (Kemaro mit autonomen Kehrrobotern für die Trockenreinigung) und der Filmbranche (Largo, das mit künstlicher Intelligenz den kommerziellen Erfolg von Filmen vorhersagt). Es ist ein Querschnitt durch das, was die Schweizer Innovationslandschaft derzeit hervorbringt: viel Hardtech, viel Klima, wenig Software allein.
Finanziell steht die Kohorte auf solidem Boden. Zusammen haben die zehn Unternehmen 270,2 Millionen Franken an Finanzierung eingesammelt und erwirtschafteten 2025 einen kumulierten Umsatz von 56,6 Millionen Franken. Das durchschnittliche Jahreswachstum von 133 Prozent klingt beeindruckend, relativiert sich allerdings: Bei jungen Unternehmen mit kleiner Umsatzbasis genügt ein einziger Grossauftrag, um die Wachstumsrate in die Höhe zu treiben.
Die Liste der Role Models liest sich wie ein Verzeichnis des Schweizer Tech-Ökosystems. Samuel Müller (Scandit), Vincent Bieri (Nexthink), Tobias Rein (GetYourGuide) und Bettina Hein (juli, Pixability, SVOX, Start Global) bringen zusammen Erfahrung aus Milliardenbewertungen und internationaler Expansion mit. Tobias Rein formuliert den Anspruch offensiv: «Wir sind überzeugt: Schweizer Innovationen verdienen globale Reichweite.»
Mentoring allein macht noch kein Logitech
Ob der Austausch auf Augenhöhe tatsächlich den Unterschied macht, wird sich zeigen. Mentoring-Programme für Start-ups gibt es viele, und die Erfolgsquoten variieren erheblich. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob die Gründer gute Ratschläge erhalten, sondern ob sie Zugang zu den Netzwerken, Märkten und Kapitalquellen bekommen, die eine internationale Skalierung tatsächlich ermöglichen. Cyrill Gyger, CEO von Qumea, scheint sich dessen bewusst zu sein. Er suche «Role Models, die der Praxis noch nah genug sind, um pragmatische statt abstrakte Ratschläge zu geben».
Getragen wird Project Switzerland von einer breiten Partnerkoalition: HSG Start Accelerator, Swiss Startup Association, Sictic, Startup Days und Fongit. Zu den Botschaftern zählen unter anderem Simon Michel (CEO Ypsomed und Nationalrat), Andy Yen (Gründer und CEO Proton) sowie Vertreter von ETH und EPFL. Das Programm positioniert sich damit bewusst als nationale Initiative, nicht als regionales Förderprojekt.
Der Referenzrahmen, den die Initiative selbst wählt, ist ambitioniert: Nestlé, ABB, Logitech. Ob in dieser Kohorte tatsächlich ein künftiges Logitech steckt, weiss heute niemand. Was sich sagen lässt: Die zehn ausgewählten Unternehmen lösen reale Probleme, von der Chipkühlung bis zur CO₂-Speicherung, und sie tun es mit Technologien, die schwer zu kopieren sind. Das ist mehr, als viele Förderprogramme von ihren Teilnehmern behaupten können.
Die zehn Scale-ups im Überblick
| Unternehmen | Sektor | Beschreibung | CEO |
|---|---|---|---|
| Corintis | Hardtech | Mikrofluidische Kühlsysteme für KI-Hochleistungschips | Remco van Erp |
| Futurae | Cybersecurity | Authentifizierung und Betrugsprävention für Finanzinstitute | Claudio Marforio |
| Insolight | Greentech | Agrivoltaik: Solarenergie und Landwirtschaft kombiniert | Laurent Coulot |
| Kemaro | Robotik | Autonome Kehrroboter für die industrielle Trockenreinigung | Armin Koller |
| Largo | KI | KI-gestützte Vorhersage des kommerziellen Erfolgs von Filmen | Sami Arpa |
| Ledgy | SaaS | Equity-Management und Mitarbeiterbeteiligung | Armon Bättig |
| Neustark | Cleantech | Dauerhafte CO₂-Bindung in Recyclingbeton | Johannes Tiefenthaler |
| Pexapark | Fintech | Preisdaten und Software für den Handel mit erneuerbarer Energie | Michael Waldner |
| Qumea | Healthtech | Berührungslose Sturzrisiko-Erkennung per Radartechnologie | Cyrill Gyger |
| Voltiris | Greentech | Spektralfilternde Solarmodule für Gewächshäuser | Nicolas Weber |
Zahlen und Fakten
| Finanzierungsvolumen (kumuliert) | CHF 270,2 Mio. |
| Mitarbeitende (gesamt) | 550 |
| Umsatz 2025 (kumuliert) | CHF 56,6 Mio. |
| Durchschnittliches Jahreswachstum | 133 % |
| Nominierungen | 160 |
| Bewerbungen | 60 |
| Ausgewählte Scale-ups | 10 |
| Role Models | Über 20 |
| Programmdauer | 12 Monate |
| Träger | Deep Tech Nation Switzerland Foundation |
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