Auf der Grindinghub 2026 zeigt die Branche, wie geschlossene Regelkreise, KI und Sensorik den Schleifprozess verändern.


Textquelle: VDW
Redaktionelle Bearbeitung: Technische Rundschau

Die Schleiftechnikbranche schrumpft. Der Produktionswert deutscher Hersteller sank 2025 auf rund 950 Millionen Euro, 14 Prozent unter Vorjahr. Die Ausfuhren brachen um rund ein Viertel ein. Doch auf der Grindinghub in Stuttgart, die vom 5. bis 8. Mai über 430 Aussteller aus 28 Ländern zusammenbringt, zeigt sich ein Gegentrend. Die Branche investiert nicht weniger in Technologie, sie investiert anders.

Mannlos durch 21 Schichten

Was sich wie eine Zukunftsvision liest, ist bei Adelbert Haas in Trossingen längst Alltag. Die vollautomatisierte Fertigung im geschlossenen Regelkreis läuft dort 21 Schichten pro Woche ohne Bedienpersonal: schleifen, messen, schleifen. «Die intelligente vollautomatisierte Komplettfertigung hat der klassischen Komplettbearbeitung den Rang abgelaufen», sagt Geschäftsführerin Marie-Sophie Maier. KI-Agenten analysieren die Maschinendaten in Echtzeit, erkennen Anomalien und starten Gegenmassnahmen, bevor ein Stillstand droht.

Einen ähnlichen Weg geht Anca. Der australische Hersteller mit Europasitz in Weinheim präsentiert in Stuttgart ein serverbasiertes System zur digitalen Produktionssteuerung. Es funktioniert wie ein Verkehrslotse, erklärt Geschäftsführer Martin Winterstein: Jede Palette und jede Maschine erhält den nächsten Arbeitsschritt zugewiesen, das Bedienpersonal folgt App-basierten Anweisungen, Abweichungen werden automatisch kompensiert. Chargen bleiben innerhalb der Toleranz, ohne dass jemand Offsets im Kopf behalten muss.

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Die Grindinghub 2026 in Kürze


Termin: 5. bis 8. Mai 2026

Ort: Messe Stuttgart, Hallen 7, 9, 10

Aussteller: Über 430 aus 28 Ländern

Wichtigste Nationen: Deutschland, China, Schweiz, Italien

Veranstalter: VDW (Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken)

Parallel: SurfaceTechnology Germany, MedtecLIVE (ein Ticket für alle)

Humanoide Roboter brauchen den perfekten Schliff

Übertragungselemente in humanoiden Robotern übertragen Bewegungen und Kräfte von Antrieben zu Gelenken. Damit die Maschinen präzise und leise arbeiten, müssen Gewindespindeln, Gewinderollen und Innengewinde mit höchster Masshaltigkeit geschliffen werden. Erwin Junker Maschinenfabrik aus Nordrach bietet dafür spezialisierte Verfahren mit keramisch und galvanisch gebundenen CBN-Schleifscheiben an. Beim Innengewindeschleifen entstehen Gewinde direkt aus dem Vollen, selbst bei Durchmessern unter 10 Millimetern. Auch bei Gewindespindeln eröffne das flexible Maschinenkonzept neue Möglichkeiten, erläutert Bereichsleiter Jan Schmid: «Es lassen sich auch Gewinde mit hohen Steigungswinkeln realisieren.»

Kühlschmierstoff verrät mehr als der Bediener

Während Maschinen und Werkzeuge viel Aufmerksamkeit erhalten, bleibt eine Variable oft unterschätzt: der Kühlschmierstoff. Dabei entscheidet er über Gutteil oder Ausschuss. Forschungsergebnisse des Instituts für Fertigungstechnik und Werkzeugmaschinen (IFW) der Leibniz Universität Hannover belegen: Bei bedarfsgerechter Zufuhr lässt sich der Energiebedarf um bis zu 27 Prozent senken, ohne Einbussen bei Werkstückqualität oder Werkzeugverschleiss. Das Zeitspanvolumen steigt gleichzeitig um bis zu 20 Prozent. «Bedarfsgerechte KSS-Versorgung soll diese Potenziale künftig systematisch und reproduzierbar in die industrielle Anwendung übertragen», sagt Institutsleiter Prof. Berend Denkena.

Auch Fuchs SE aus Mannheim treibt das Thema voran. Der Schmierstoffhersteller bildet Maschinen und Schmierpunkte als digitale Zwillinge in der cloudbasierten Plattform LubeLink FluidsConnect ab. In-Line-Refraktometer messen die Konzentration, Algorithmen steuern den Nachsatz. Ob sich die Investition rechne, hänge vom Einzelfall ab, räumt Fuchs-Manager Alexander Kaiser ein. Die Produktivität steigere professionelles KSS-Management aber in jedem Fall.

700 Versuche lehren das Modell das Vorhersagen

Wohin die Reise führt, skizzierte auf der digitalen Grindinghub Preview der wissenschaftliche Mitarbeiter Björn Killich vom MTI der RWTH Aachen. Im Verbundprojekt ManuSafeNextGen entwickelt sein Team gemeinsam mit der MTU Aero Engines einen digitalen Zwilling für das Schleifen sicherheitskritischer Triebwerkskomponenten. Über 700 Versuchspunkte, knapp 22’000 extrahierte Merkmale pro Bauteil und ein kombiniertes Modell aus Prozessparametern und Echtzeit-Sensordaten ermöglichen eine Vorhersage der Oberflächenrauheit während des Schleifens. Das Ziel: eine Closed-Loop-Regelung, bei der Prozess, Modell und Maschine in kontinuierlicher Rückkopplung arbeiten.

Ein Prinzip zieht sich als roter Faden durch die gesamte Messe: der geschlossene Regelkreis. Vom Maschinenbett bis zum Kühlschmierstofftank, vom Triebwerksschaufelfuss bis zum Gewindeprofil humanoider Roboter. Prof. Bahman Azarhoushang, Leiter des KSF-Instituts der Hochschule Furtwangen, mahnt allerdings zur Nüchternheit: Die zentrale Herausforderung liege in der vollständigen Integration dieser Technologien in bestehende Produktionsumgebungen, sowohl technisch als auch organisatorisch. Wer in Stuttgart nur nach neuen Maschinen sucht, könnte daher das Wesentliche verpassen.

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